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Seit Jahrzehnten regt mich der Begriff "humanitäre Katastrophe" auf, so als sei die Katastrophe humanitär.

Ist der Ausdruck sprachlich legal, oder so arm wie er mir vorkommt? Muss es nicht eine "Katastrophe aus humanitärer Sicht" heißen?

Es fällt mir aber auf, dass es mehrere solcher Konstruktionen gibt, die mir jetzt, beim Nachdenken, alle unsauber vorkommen:

  • islamischer Terror (der Terror geht doch nicht in Moscheen)
  • ein musikalischer Offenbarungseid

Aber nochmal zurück:

Eine humanitäre Katastrophe kann man auch (wenn auch schlecht) so auffassen, dass wir hier eine Katastrophe haben, die, verglichen mit anderen Katastrophen, humanitär ist. So wie eine spätsommerliche Wetterkatastrophe, oder eine nächtliche.

Oder eine humanitäre Einstellung.

Ist das einfach eine 2polige Eigenschaft von Eigenschaftswörtern, oder sogar nur 2 Pole von einer 3poligen, 4poligen oder multipoligen Attributierung?

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Ich glaube, Missverständnisse sind da eher selten, zumindest bei Muttersprachlern. Also stellt sich deine Frage, ob so etwas "richtig" ist: Im Zusammenhang mit Sprache tue ich mir da immer schwer: Aus meiner Sicht gibt es guten und schlechten Stil. –  0x6d64 Sep 16 '11 at 7:02
    
Nachtrag(x): Aber noch einmal zurück zu der Konstruktion "humanitäre Katastrophe": Wenn man sich hier auf die "eigentliche" Bedeutung versteift, könnte man auch gegen pars-pro-toto-Konstruktionen wettern... (x) zu früher "Enter" gedrückt ;__; –  0x6d64 Sep 16 '11 at 7:10

4 Answers 4

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Das Problem mit humanitär ist, das humanitär "menschenfreundlich, wohltätig, mildtätig" bedeutet (Wiktionary). Das ist ein grosser Unterschied zu den anderen genannten Beispielen. Bei "menschliche Katastrophe" versteht man ja noch, wie es gemeint ist, aber bei "menschenfreundliche Katastrophe"?

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Im Sinne einer Eigenschaftsbeschreibung ist eine Katastrophe weder menschlich noch menschenfreundlich. Eine Situation kann aber sowohl unter dem Blickwinkel der Menschlichkeit als auch unter dem der Menschenfreundlichkeit eine Katastrophe sein. –  Ray Sep 16 '11 at 13:55
    
Finde ich nicht. Sie kann die Menschenfreundlichkeit herausfordern. Oder eine humanitäre Katastrophe wäre es, wenn die verhungernden auf der Straße liegen, und Menschen, die helfen könnten, würden ignorant daran vorbeigehen und sich nicht drum kümmern. Ich glaube diese Antwort bringt meine Frage erst auf den Punkt. –  user unknown Sep 17 '11 at 0:54

Ich halte das sprachlich für einwandfrei, da ein Verweis auf die Bezugsdomäne über ein Adjektiv gängig ist:

  • sprachliche Katastrophe
  • medizinisches Problem
  • moralisches Dilemma (z.B. in Abgrenzung zum finanziellen Dilemma)
  • menschliche Tragödie (z.B. in Abgrenzung zur ökologischen Tragödie)

usw.

All diese Wendungen kann man mit gleichem Bedeutungsinhalt in "SUBSTANTIV aus ADJEKTIV Sicht" umformulieren. Insoweit verstehe ich nicht, wieso "humanitäre Katastrophe" und "Katastrophe aus humanitärer Sicht" hier ein Sonderfall sein soll, bei dem die eine falsch und nur die andere Fassung richtig sein soll.

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Eine ökologische Produktionsweise ist eine Produktionsweise, die ökologisch ist. Ökologisch zu sein ist ihre Eigenschaft. Eine ökologische Tragödie ist eine Tragödie, die ökologisch ist? Ist 'ökologisch' eine Eigenschaft dieser Tragödie? Ähnlich bei den anderen Konstruktionen, die eben vielleicht auch schlechter Stil sind. –  user unknown Dec 19 '12 at 19:06
    
Ich halte die so formulierte Einschränkung auf die ökologische Domäne für weithin klar verständlich. Eine "ökologische Tragödie" ist ein Sachverhalt, der AUS ÖKOLOGISCHER SICHT eine Tragödie ist. Aus finanzieller Sicht kann der gleiche Sachverhalt hingegen als "finanzieller Erfolg" gelten. Gilt Dir etwa dieser Ausdruck genauso als schlechter Stil, da "finanziell" keine Eigenschaft eines Erfolgs sein kann? Denn "Erfolg" ist ja die Beschreibung einer Zielerreichung, womit seine Eigenschaften laut Deines strengen Postulats eigentlich nur aus Größe o. Grad der Erreichnung bestehen dürften... –  Ray Dec 29 '12 at 14:51
    
Ich bin noch nicht überzeugt. Eine unsportliche Tätlichkeit wäre demnach u.U. das gleiche wie eine sportliche Tätlichkeit, weil letzteres die sportliche Sicht bezeichnet, die zum Schluss kommt, es sei eine Tätlichkeit. Man könnte dann auch Atheismus als eine religiöse Einstellung bezeichnen, obwohl es genau das gerade nicht ist. –  user unknown Dec 29 '12 at 17:36

In meinen Augen ist das typische PR-Sprache für knackige Schlagzeilen.

Ein Beispiel auf noch niedrigerem Niveau wäre "Kinderpornographie" als Bezeichnung für die multimediale Dokumentation von Kindesmissbrauch.

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Der Hinweis, dass der hinterfragte Sprachgebrauch typisch für konservative Medien und Wahlkämpfe verlierende Politiker sein soll, scheint mir an dieser Stelle weder hinreichend belegt noch sachdienlich genug für die Beantwortung der Fragestellung zu sein. –  Ray Sep 16 '11 at 9:06
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@Ray Ich habe den emotionalen Satz wieder raus genommen. Anscheinend wird zumindest "humanitarian catastrophe" auch von Amnesty International genutzt… –  feeela Sep 16 '11 at 9:09
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Nun, "Kinderpornographie" ist ein zurecht kritisierter Begriff, dem stimme ich zu, aber eine "Dokumentation von Kindesmissbrauch" ist in doppelter Hinsicht kein Fortschritt: 1. ist eine Dokumentation etwas anderes - sie wird intentional als Dokumentation hergestellt, und will aufklären, was bezeichnete Videos oder Bilder nicht wollen. 2. Enthält das Wort Missbrauch implizit die Vorstellung eines regelgerechten Gebrauchs. Alkoholmissbrauch, beispielsweise. Aber auch wenn von Kindern Gebrauch gemacht wird, so will man das sicher nicht ausdrücken. Die Suche ist spannend, aber hier off topic. –  user unknown Sep 16 '11 at 13:23
    
@user unknown: Sehr schöne Anmerkungen zum Begriff Kindesmissbrauch! –  Ray Sep 16 '11 at 13:58

Die Konstruktion ist auch nicht mit allen Adjektiven üblich.

Vergleiche:

gesunde Probleme gesundheitliche Probleme

Die Konstruktion wird also eher weniger verwendet, wenn es sich um ein reines Adjektiv handelt und eher mehr, wenn das Adjektiv von einem Substantiv abgeleitet ist, da eben eine Bedeutung von

Substantiv+lich/isch/ig/..

den Sinn

in Bezug auf Substantiv

hat.

Gerade die Endung von humanitär verträgt sich mit dieser Verwendung sehr gut.

Libertär heißt nicht frei, monetär heißt nicht reich, usw.

Da es eine Frage des Sprachgefühls ist, welche Adjektive man als von Substantiven abgeleitet empfindet und welche nicht, ist natürlich nicht jeder mit jeder Verwendung gleichermaßen zufrieden. Dass ein Wort je nach Kontext durchaus gegensätzliche Bedeutung haben kann, kommt generell öfter vor. Auch die Witze mit Kinderschnitzel versus Schweinsschnitzel fallen in diese Kategorie, die ja keineswegs tatsächliche Verständnisprobleme aufwirft.

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