Marianna Glaßler, Der Moment (http://www.marianne-glasser.de/sites/texte.html)
Der Moment
In dem Moment, in dem. Eigentlich ein ganz normaler Satzanfang, aber es ist der Moment, in dem ich anfange, an meiner Sprache zu zweifeln. Oder aufhöre, mir meiner Sprache sicher zu sein. Also eigentlich eher ein Ende.
Angefangen hat es schon in den Wochen vorher. Immer öfter schlage ich beim Übersetzen Wörter nach, deren Sinn ich sofort verstehe, einfache Wörter, für die mir das deutsche Wort gleich einfällt, aber sobald ich sie mehr als einmal laut vor mich hinsage oder länger als zwei Sekunden darüber nachdenke, erscheinen sie mir plötzlich so seltsam, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob sie auch wirklich existieren oder ob ich sie eben erfunden habe, und wenn ich sie niederschreiben will, bekomme ich keine Luft mehr. Erst wenn ich ein Wort im Wörterbuch sehe, lässt die Beklemmung nach: Wenn es schwarz auf weiß auf dem Papier steht, muss es ja wohl existieren. [...]
Und dann, an einem ganz normalen Morgen, an dem ich mich wie immer mit meiner Kaffeetasse in der Hand an den Schreibtisch setze und auf den ersten Satz des Kapitels blicke, das ich an diesem Tag übersetzen will, kommt der Moment. Dès le moment où. Ich verstehe den Sinn der Wendung sofort und beginne den Satz niederzuschreiben. „In dem Moment, in dem“. Klingt holprig durch die Wiederholung. Ich lösche es wieder und schreibe „In dem Moment, wo“. Klingt unschön durch die Vermischung von zeitlicher und räumlicher Ebene. Außerdem hätte dann der Franzose au moment où geschrieben. Ich schlage im Wörterbuch bei moment nach und finde „Moment, Zeitpunkt, Augenblick“, außerdem eine Vielzahl von Wendungen, aber nicht die, die ich brauche. Ich schlage bei dès nach und finde „schon, seit, von ... an“. Eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet sich. „Seit dem Moment, in dem?“ „Seit dem Moment, wo?“ „Schon in dem Moment, in dem?“ „Schon in dem Moment, wo?“ „Von dem Moment an, in dem?“ „Von dem Moment an, wo?“ Von den Varianten mit „Zeitpunkt“ und „Augenblick“ einmal abgesehen – wie sagt man wirklich, was ist normales Deutsch, was ist richtig? Ich bin ratlos.
Nach einer Zeit des Nachdenkens, in der ich, während derer ich, wo ich es krampfhaft vermeide, an das Wort Moment zu denken, weil ich mich sonst erneut verwirre, kommt mir der rettende Einfall. Google. Wenn ich es selbst nicht mehr weiß, werden es doch die anderen wissen, die sich ihrer Sprache noch sicher sind, die keine Zweifel haben und ohne Nachdenken einfach schreiben, was ihnen in den Sinn kommt. Sie werden mir die Sicherheit wiedergeben, was normal ist und was man wirklich sagt. Meine Rettung ist Google.
Erleichtert, beinahe froh öffne ich die Suchseite und gebe „seit dem Moment, in dem“ ein.
131 Treffer.
Ich gebe „seit dem Moment, wo“ ein.
548 Treffer.
Ich gebe „schon in dem Moment, in dem“ ein.
210 Treffer.
Ich gebe „schon in dem Moment, wo“ ein.
121 Treffer.
Ich gebe „von dem Moment an, in dem“ ein.
732 Treffer.
Ich gebe „von dem Moment an, wo“ ein.
11.000 Treffer.
Die Entscheidung ist gefallen. Ich schreibe „von dem Moment an, wo“, auch wenn es holprig klingt und unschön die zeitliche und die räumliche Ebene vermischt. Es hat nun einmal die meisten Treffer. [...]