16

Mir fiel jetzt kein weiteres Beispiel außer diesem ein.

Es leuchtet vermutlich allen ein, dass (Eisenbahn-)Züge und entgleisen zusammenpassen. Hingegen passen Gesichtszüge und Eisenbahnen nur bedingt zueinander, und zwar eigentlich ausschließlich aufgrund des Wortstamms Zug. Entgleisen bezieht sich ja aber ausdrücklich auf die Gleise im Zusammenhang mit (Eisenbahn-)Zügen.

Wie nennt man nun aber so ein Konstrukt, welches, die Wortähnlichkeit ausnutzend, so eine belustigende Parallele zieht?

  • 3
    Ich würde sagen, das ist ein Wortspiel, das mit der rhetorischen Figur der Paronomasie eng verwandt ist. Vielleicht könnte man es als einen Spezialfall davon bezeichnen. – Walter Tross Feb 26 '15 at 17:53
  • 2
    Das Beispiel in der Wikipediaseite der Paronomasie, das am ähnlichsten ist, ist "Lieber arm dran als Arm ab". – Walter Tross Feb 26 '15 at 18:08
  • 4
    Ich bin nicht überzeugt, dass der gemeinsame Wortstamm Zug hier tatsächlich eine Rolle spielt und nicht vielmehr eine zufällige Übereinstimmung ist. Andere Dinge, die nicht einmal vom Wortstamm her mit der Eisenbahn zu tun haben, können schließlich auch entgleisen, beispielsweise "Projekte". – O. R. Mapper Jul 16 '15 at 13:38
  • 1
    @O.R.Mapper: Aber Projekte haben einen Plan/roten Faden/Weg o. Ä., von dem sie abkommen können; Gesichtszüge nicht. – Wrzlprmft Jul 17 '15 at 8:30
  • @Wrzlprmft: Gesichtszüge haben einen typischen Verlauf, dem sie im entspannten Zustand entsprechen (man könnte auch "folgen" sagen). Von diesem Verlauf weichen sie ab, wenn sie entgleisen. – O. R. Mapper Jul 17 '15 at 8:32
14

Man könnte "entgleisen" hier eine Metapher nennen. "Entgleisen" wird von seinem eigentlichen Bereich (Zug, der von den Schienen abkommt) auf Gesichtszüge hinübergetragen, die vor Angst/Schmerz/Freude/Kummer aus der Fassung geraten. Metaphorische Verwendungen im Wortschatz sind so häufig, dass sie uns oft gar nicht mehr auffallen.

  • 1
    Hier fehlt aber doch der entscheidende Zusammenhang von "Zug" nach dem ausdrücklich gefragt war. – user unknown Feb 27 '15 at 4:44
  • @userunknown Du kannst den Zusammenhang von Zug und Gesichtszügen ja noch im Detaill ausführen. Glaube aber, der Hinweis auf Zug, der entgleist, reicht vollauf. – rogermue Jul 16 '15 at 18:29
  • Hm, "Gesichtszug" wird aber bereits bei Goethe und Schiller verwendet - da gab es noch keine Eisenbahn. Ebenso wie "entgleisen" im Sinne von "entgleiten". Ich spreche also dem Ausdruck des "Entgleisens von Gesichtszügen" jeglichen Zusammenhang mit Eisenbahnen ab. – Thorsten Dittmar Jul 17 '15 at 8:53
  • Kannst du, aber unabhängig davon, wann Eisenbahnen aufkamen , stellt sich bei entgleisen das Bild des Zuges ein und "entgleisen" ist für Metapher ein geeignetes Bild, wie oben bereits gesagt. – rogermue Jul 17 '15 at 9:44
  • @ThorstenDittmar: Züge sind aber älter als Eisenbahnen, etwa Ochsenzüge. Zus.. mit Takkats Gleisen mögen also bereits früher Wagen u. dgl. entgleist sein, die man Züge nannte. So oder so kann aber die Kombination "Gesichtszüge entgleisen" jüngeren Datums sein. – user unknown Jul 18 '15 at 7:27
11

Vielleicht sollte man hier noch erwähnen, dass sowohl die "Züge" eines Gesichts als auch "Gleis" und "aus dem Gleis geraten" schon lange vor Erfindung der Eisenbahn ihren Einzug in die deutsche Sprache gefunden haben. Lediglich das Wort "entgleisen" kam erst mit den ersten Eisenbahnunfällen.

  • Unter einem Gesichtszug verstand und versteht man auch heute noch die Zeichnung eines Gesichts, ursprünglich in Anlehnung an eine Verzierung eines Kunstwerks.

  • Ein Gleis war schon im Althochdeutschen (wagen-leis) und seit Mittelhochdeutsch (Geleis) die Fahrspur eines Wagens. Im 18. Jahrhundert trat dann auch die Verwendung im übertragenen Sinn auf ("Gleis" als ein hergebrachter Zustand, die Bahn des Lebens oder die des Denkens).

    Ich bin [...] schier [...] aus dem Glaisz meiner Erzehlung kommen. Grimmelshausen Simplicissimus 3 (1713)

Somit lag es auf der Hand, auch Gesichtszüge aus dem Gleis (ihrer gewohnten Form) zu bringen, sie also entgleisen zu lassen. Eine schöne Analogie, die dadurch auch das Wortspiel mit den "Zügen" einer Eisenbahn schafft.

Auch nicht unerwähnt soll die mitunter falsch verwendete Flexion bleiben. Wenn es geschah, dass Gesichtszüge entgleisen, dann entgleisten sie oder sind entgleist (aber eben nicht "entglitten", wie man manchmal liest).

  • Gefragt war nach einem Fachwort für solche Konstrukte. – user unknown Feb 27 '15 at 4:46
  • @userunknown: dann nenne es doch bitte (auch deshalb CW!), ich habe dafür kein Wort gefunden, meine aber dass es wegen der Etymologie keine Metapher sein kann... evtl. ein Wortspiel (s.o). – Takkat Feb 27 '15 at 7:14
  • Wortspiel ist zu unspezifisch, auch wenn es eines ist. Der Fakt, dass ich kein Wort dafür kenne, mutmaßlich weil es keins gibt, macht eine Antwort, die das Thema verfehlt in meinen Augen nicht besser. CW ist auch nur eine schlechte Ausrede. Wenn man keine Antwort hat, hat man keine - so einfach kann die Realität manchmal sein. – user unknown Feb 27 '15 at 22:06
  • 1
    @Takkat: Wieso kann es denn keine Metapher sein, nur, weil die zusätzliche Übereinstimmung mit einem (Eisenbahn-)Zug nicht gegeben ist? Die Gesichtszüge liegen ja dennoch wörtlich betrachtet nicht in einem Gleis (auch wenn es sich dabei um die Fahrspur eines Wagens handelt) beziehungsweise bewegen sich nicht darauf; nur sinnbildlich gesprochen geraten sie aus dem "Gleis", dem sie normalerweise (bei entspanntem Gesichtsausdruck) folgen. – O. R. Mapper Jul 16 '15 at 13:48
  • 2
    Das ist nun wirklich aber nicht die richtige Verwendung von Community Wiki. Diese Antwort braucht nun wirklich nicht von der Gemeinschaft gewartet werden. Es handelt sich ausschließlich um historische Bezüge, die sich ja nun kaum mehr ändern werden. – Martin - マーチン Jul 17 '15 at 4:43
8

Entgleisen bezieht sich nicht ausdrücklich auf Gleise im Zusammenhang mit Eisenbahnen. Man sagt beispielsweise auch "Diese Entgleisung ist nicht zu entschuldigen", wenn sich jemand unentschuldbar benommen hat.

Siehe DWDS:

Gleis Geleise Geleis n. ‘aus zwei parallellaufenden Schienen bestehende Fahrspur’, spätmhd. geleise ‘Radspur, getretener Weg’ (14. Jh.) ist eine Kollektivbildung zu dem im Nhd. untergegangenen Substantiv mhd. leis(e) f. ‘Spur’, ahd. in waganleisa ‘Wagenspur’ (9. Jh.), das mit lat. līra (aus *leisā) ‘Ackerfurche’, dēlīrus ‘geistig aus dem Gleis gekommen, verrückt’ (s. ↗Delirium), aslaw. lě cha, russ. (landschaftlich) lechá (леха) ‘Beet, Ackerfurche’, lit. lýsė ‘Gartenbeet’ verwandt ist und zu der unter ↗leisten (s. d.) angeführten Wurzel ie. *leis- ‘am Boden gezogene Spur, Furche’ gehört. entgleisen Vb. ‘aus den Gleisen springen’, übertragen ‘vom rechten Weg abkommen, sich taktlos, ungeschickt benehmen’ (Mitte 19. Jh.).

Entgegen meiner ursprünglichen Meinung kommt dies bereits vor der Erfindung der Eisenbahn vor und steht somit nicht im Zusammenhang mit Eisenbahngleisen.

Auch die Gesichtszüge kommen wohl eher nicht vom Zug im Sinne von "Eisenbahn", sondern eher von "ziehen/zeichnen".

Von daher sehe ich in "Die Gesichtszüge entgleisen" auch keine Metapher in Bezug auf Eisenbahn. Es sind zwei Begriffe, die zufällig auch im Kontext von Eisenbahnen vorkommen, jedoch in diesem Zusammenhang hier nicht stehen.

  • 2
    Ach was wäre es schön, wenn Downvoter mal einen Kommentar hinterlassen würden... – Thorsten Dittmar Jul 17 '15 at 5:26
  • Die Frage ist ja nicht einfach, wo "Gleise" herkommt, sondern speziell seit wann man von "entgleisen" spricht. Das Entgleisen der Gesichtszüge kann m.E. nicht als Metapher für das, was mit Mimik, Falten und Gesichtsfurchen, auf denen ja kein Fahrzeug fährt, gelten, sondern nur über den Umweg Gleise->Zug entgleist (Kontrollverlust) => Kontrollverlust über die Mimik => Gesichtszüge entgleisen hergestellt werden. Ein Kontrollverlust bei einem Flugzeug o. Ballon wäre etwa ein Absturz - "die Gesichtszüge stürzen ab" verwendet man aber nicht. Der Zshg. zum Zug kann m.E. kein Zufall sein. – user unknown Jul 18 '15 at 6:55
4
+100

Wie nennt man nun aber so ein Konstrukt, welches, die Wortähnlichkeit ausnutzend, so eine belustigende Parallele zieht?

Es wurde zwar schon in mehreren Kommentaren erwähnt, aber ich stelle es hier mal als eigene Antwort in den Raum: Man nennt so etwas Wortspiel, genauergesagt ein auf Polysemie oder Homonymie beruhendes.

Ich zitiere den Duden:

Spiel mit Worten, dessen witziger Effekt besonders auf der Doppeldeutigkeit des gebrauchten Wortes […] beruht

Das einzige, was die entgleisten Gesichtszüge von anderen derartigen Wortspielen unterscheidet (vorausgesetzt, Deine Annahme über die Entstehung dieses Ausdruckes stimmt), ist, dass sie sich als feste Wendung verselbständigt haben.

Ich würde es nicht als Metapher einstufen, da sich der Ausdruck nicht in andere Sprachen übersetzen lässt, ohne die gefragte Eigenschaft verlieren. Dies hingegen ist eine charakteristische Eigenschaft des Wortspiels.

  • Mit anderen Worten: Du kennst kein ähnliches Wortspiel, welches sich als feste Redewendung etabliert hat? Mir scheint, es gäbe einen Ausdruck, mutmaßlich in Berliner Schnauze, bei dem mir so was schon mal begegnet ist, wo der Ausdruck auch so fest eingefahren ist, dass mir das zu Grunde liegende Wortspiel gar nicht aufgefallen ist. "Wortspiel" finde ich zu allgemein für die Frage. Wenn derartige Wortspiele aber so selten sind, dann ist verständlich, dass es dafür keinen eigenen Begriff gibt, bzw. dass man diesen nicht kennt. – user unknown Jul 18 '15 at 6:39
  • “Wortspiel” finde ich zu allgemein für die Frage – Das hängt ein wenig davon ab, wie man die Frage interpretiert. Ich habe es so interpretiert, dass nicht nach einem Begriff gefragt wird, der die Verselbständigung beinhaltet, da dies nirgendwo erwähnt wird. Ich gestehe aber durchaus ein, dass man dies auch anders interpretieren kann und finde die entsprechende Frage auch durchaus interessant – kann sie aber leider nicht beantworten. – Wrzlprmft Jul 18 '15 at 6:47
  • Verstehst Du das Beispiel des Dudens? M.E. ist das kein Beispiel, sondern eine Zusammenfassung in Telegrammstil. – user unknown Jul 18 '15 at 7:23
  • @userunknown: Es ist ein Beispiel für die Verwendung des Wortes Wortspiel, zugegebenermaßen kein sonderlich tolles. – Wrzlprmft Jul 18 '15 at 7:45
  • Wie heißt das Wortspiel? Wortspiel. Ich würde mich ja für so eine Bounty-Abgreifantwort schämen. – user unknown Jul 26 '15 at 23:46

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.