9

Auf Wikipedia steht:

Mitunter wird die Selbständigkeit einer Kategorie Numeralia verneint [1], und diese werden dann den Adjektiven zugeschlagen [2]. Bleibt es dabei, hat man eine weitere Neun-Wortart-Lehre, bei Wegfall auch des Artikels eine Acht-Wortart-Lehre.

Welche Argumente gibt es, die dafür oder dagegen sprechen?

  • Zwischen zwei gleichgestellten, gleichrangigen Adjektiven wird ein Komma gesetzt [3]. Jedoch müssen Numeralien zwangsläufig vor dem attributiven Adjektiv stehen. Können sie folglich nicht als gleichrangige Adjektive bezeichnet werden, weil dort auch kein Komma hinkommen kann? Und sind sie folglich gar keine Adjektive?

    Andererseits stehen natürlich auch Adjektive wie gesamt immer vor anderen, weiteren Adjektiven. Dort könnte zwischen gesamte und bezogene auch Menge eingeschoben werden:

    • die gesamte bezogene [Menge] Energie
    • die gesamte bezogene [Menge] Schleifnormalkraft
    • ...

Könnte man also auch argumentieren, dass die Numeralia, weil sie immer vor den anderen attributiven Adjektiven stehen, also eher einem Demonstrativpronomen ähnlich kommen? Dann könnten sie also genauso gut auch zu den Demonstrativpronomen oder Artikel gezählt werden?

[1] Duden, Rechtschreibung und Grammatik – leicht gemacht. 2007, S. 127.
[2] Gabriel/Meisenberg: Romanische Sprachwissenschaft. 2007, S. 190.
[3] Duden: Komma zwischen zwei Adjektiven.

  • 3
    Einer der seltenen Fälle, wo ich +1 gebe, aber für Schließen plädieren muss. Wie der Wikipedia-Artikel schon ganz gut darlegt, gibt es keine “richtige” Einteilung der Wortarten. Wortarten sind künstliche Schubladen, die den vollen Reichtum der Sprache nicht erfassen können, sondern nur das allermeiste. Wie man so ein Schubladensystem wählt, ist letztlich Geschmackssache und hängt auch ein wenig davon ab, wofür man die Schubladen braucht (die Einteilung in Wortarten ist schließlich kein reiner Selbstzweck). Deswegen: Primarily opinion-based. – Wrzlprmft Jun 22 '15 at 9:28
  • Mir geht es darum, ob die Numeralia, weil sie immer vor den anderen attributiven Adjektiven stehen, nicht automatisch eher einem Demonstrativpronomen ähnlich kommen. Ob sie also genauso gut auch zu den Demonstrativpronomen oder Artikel gezählt werden könnten. – Jonas Jun 22 '15 at 11:20
  • 1
    Dann schreibe Deine Frage dahin um. Zum Beispiel »Welche Argumente gibt es, Numeralia zu den Artikeln zu zählen?« halte ich für eine gute und berechtigte Frage. – Wrzlprmft Jun 22 '15 at 11:23
  • 4
    "Jedoch müssen Numeralien zwangsläufig vor dem attributiven Adjektiv stehen." - würde ich so nicht unterschreiben. Wenn die gezählten Dinge als eine Einheit verstanden werden, kann das Adjektiv durchaus davor stehen. Nicht nur die heiligen drei Könige, sondern auch die weltberühmten sieben Zwerge lassen grüßen. – O. R. Mapper Aug 12 '15 at 14:50
1

Ein Argument dafür, Numeralia zu den Artikeln zu zählen, siehst du fettgedruckt am Beginn dieses Satzes. Während manche – auch germanische – Sprachen zwischen unbestimmtem Artikel und der Zahl 1 unterscheiden, wird im Deutschen immer nur der unbestimmte Artikel für genau einen Gegenstand verwendet – und sogar mitgebeugt.

I bought a dog and one cat yesterday. I saw a dog’s leash and one tree’s leaf lying in the park. One of my two dogs is black. A cat’s fur is soft.

Ich habe gestern einen Hund und eine Katze gekauft. Ich habe die Leine eines Hundes und das Blatt eines Baumes im Park liegen gesehen. Einer meiner Hunde ist schwarz. Das Fell einer Katze ist weich.

Die Beispiele verdeutlichen, dass im Deutschen immer ein/e/r/n/s anstelle von 1 (eins) steht, selbst wenn man genau eins meint, während im Englischen eine Unterscheidung zwischen dem Artikel a(n) und der Zahl one getroffen werden kann. Niemand kauft *eins Katze.

Dieser Dualismus ist im Singular deutlicher als im Plural, denn man stölpert selten über unbestimmte Pluralartikel im Deutschen. Als Beispiel diene mir einige, das Adjektive stark beugt, wie es unbestimmte Artikel im Singular tun.

Zwei schwarze Hunde sind um die Ecke gelaufen.
Einige schwarze Hunde sind um die Ecke gelaufen.
Die schwarzen Hunde sind um die Ecke gelaufen.

Die Leinen zweier schwarzer Hunde hängen dort.
Die Leinen einiger schwarzer Hunde hängen dort.
Die Leinen der schwarzen Hunde hängen dort.

Ich werfe zwei schwarzen Hunden einen Ball zu.
Ich werfe einigen schwarzen Hunden einen Ball zu.
Ich werfe den schwarzen Hunden einen Ball zu.
(Formengleich)

Ich rufe zwei schwarze Hunde.
Ich rufe einige schwarze Hunde.
Ich rufe die schwarzen Hunde.

Ich finde, dass damit ausreichend Parallelen zwischen unbestimmten Artikeln und Numeralia aufgezeigt sind, um die Zuordnung letzterer zu ersteren zu gestatten. Gleichzeitig ist es mir nicht entgangen – insbesondere dadurch, dass Adjektive formgleich sind, egal ob ein unbestimmter Artikel davorsteht oder nicht –, dass man die gleichen Argumente benutzen könnte, um unbestimmte Artikel den Zahlworten und diese den Adjektiven zuzuschlagen.


Exkurs: Nicht in allen Sprachen werden Numeralia so behandelt wie im Deutschen. Japanisch kennt zum Beispiel keinen Plural, demnach kann ein Zahlwort ein Substantiv nicht in den Plural versetzen. Finnisch, wiederum, kennt Singular und Plural und einen besonderen Kasus für unbestimmte Substantive, den Partitiv. Auf Finnisch zwingt ein Zahlwort das zugehörige Substantiv automatisch in den Partitiv Singular. Beispiele:

Näin auton. — Ich sah ein Auto.
Näin sen auton. — Ich sah das Auto.
Näin autoja. — Ich sah Autos (unbestimmt).
Näin ne autot. — Ich sah die Autos.

Näin 2 (kaksi) autoa.Ich sah zwei Autos. Im Singular, vgl.
Odotan autoa.Ich warte auf ein/das Auto.

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