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Ich war vorgestern bei meiner Hausärztin. Sie hat jetzt neue Sprechstundenhilfen. Diese haben an der Wartezimmertür ein Schild angebracht:

Bitte diese Tür schließen. Ihre Praxisten

Ich habe das Wort Praxist zu googeln versucht, wurde aber in deutschen Texten nicht fündig. War ich nun nur zu faul beim Googeln oder ist das wirklich kein deutsches Wort?

  • Das Wort steht nicht im Duden – BlueWizard Jul 5 '15 at 6:07
  • @JonasDralle... viele Wörter stehen nicht im Duden. Das sagt wenig. – Emanuel Jul 22 '15 at 10:48
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Ich halte das eher für eine Scherzbezeichnung des Praxisteams. Mir kam das Wort als Muttersprachler bisher nicht unter.

Eine praktisch arbeitende Person bezeichnet man üblich als Praktiker.

Die Bezeichnung liest sich für mich, wie Schilder in Gemeinschaftsküchen, auf denen eine "Küchenfee" darum bittet, die Tassen in die Spüle zu stellen.

  • das ist keine schlechte Erklärung, andererseits hatte ich nicht den Eindruck, daß diese neuen Damen sehr humorvoll sind. – Karl Jul 4 '15 at 8:24
  • Das Problem ist, daß es alles Damen sind in der Praxis. Die Bezeichnung Praxisten ist daher sexistisch und nicht pc, müßte Praxistinnen sein. Wenn die städtische Genderbeauftragte da vorbeikommt, kriegen die ein Riesenproblem! – Karl Jul 6 '15 at 17:53
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    Küchenfee wäre demnach ebenso sexistisch Männern gegenüber, da sie quasi aus einem Fantasy/Mythologie-Kontext wie ein generisches Femininum angesehen werden können. – André Kleinschmidt Jul 7 '15 at 7:36
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    @AndréKleinschmidt: Typischerweise ist die Idee vom "generischen Femininum/Maskulinum" ein Argument warum ein Begriff gerade nicht sexistisch ist. Du mischt da also zwei Seiten einer Diskussion, vielleicht hab ich hier einfach auch nur einen Witz nicht verstanden. – 0x6d64 Jul 7 '15 at 11:20
  • ja, ich hab wohl aus Gewohnheit "generisch" geschrieben, hatte aber das Wort stereotyp im Kopf. O_o.. ich kann den Kommentar nicht mehr ändern... seltsam. – André Kleinschmidt Jul 7 '15 at 11:24
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Letzten Endes hängt es davon ab, wie Du deutsches Wort und überhaupt Wort definierst. Zur Illustration des Problems bediene ich mich folgender Wörter:

  • Ball
  • Korbball
  • Stangenball
  • Gefalt
  • Düateßigän

Die letzten drei Wörter habe ich mir selbst ausgedacht. Nimm für diese Antwort an, dass niemand anderes diese Wörter jemals verwendet hat.

Ball und Düateßigän dürften in ihrer Klassifizierung unstrittig sein: Ersteres ist ein deutsches Wort, letzteres nicht. Jede Definition von deutsches Wort, die zu einem anderen Ergebnis kommt, wäre ziemlich unbrauchbar, da entweder nichts oder alles ein deutsches Wort wäre. Korbball unterscheidet sich von Ball nur dadurch, dass es zusammengesetzt ist. Es wird ebenfalls häufig verwendet, findet sich in Wörterbüchern und hat klare Bedeutungen. Es gibt viele deutsche Wörter, bei denen wir kaum noch wahrnehmen, dass sie zusammengesetzt sind, z. B. vielleicht oder Drittel.

Stangenball ist schon im Graubereich. Wie Korbball folgt es hochproduktiven Bildungsregeln (mehr dazu gleich), aber man findet es nicht in Wörterbüchern. Wenn Korbball ohne Zusammenhang steht, kann angenommen werden, dass es sich auf eines der Folgenden bezieht:

  • eine Sportart, bei der ein Ball auf Körbe gespielt wird
  • das Sportgerät dieser Sportart

Das Wort Stangenball hingegen ist nicht etabliert, Bestandteil des Wortschatzes, oder in Wörterbüchern verzeichnet. Dies drückt sich insbesondere dadurch aus, dass im Gegensatz zu Korbball ohne Zusammenhang deutlich weniger klar ist, wofür es steht. Denkbar ist z. B. Folgendes:

  • eine Sportart, bei der ein Ball auf Stangen gespielt wird (analog zu Korbball)
  • eine Sportart, bei der die Spieler einen Ball mit Stangen spielen (analog zu Fußball, Handball, usw.)
  • eine Sportart, bei der die Spieler auf Stangen balancierend einen Ball spielen (analog zu Wasserball)
  • Sportgeräte dieser Sportarten
  • eine Kugel, die mit Stangen versehen ist
  • eine Tanzveranstaltung, die irgendwie Stangen involviert

Aber nur weil es nicht gebraucht wird, ist das Wort Stangenball nicht falsch in dem Sinne, dass es in einem Text korrigiert werden müsste. Es ist eine korrekt gebildete Zusammensetzung. Dass diese als eigenes Wort behandelt wird, ist letzten Endes ein Aspekt der deutschen Rechtschreibung. Zum Beispiel im Englischen werden derartige Zusammensetzungen auf dieselbe Weise gebildet, aber vorwiegend getrennt geschrieben. Ich würde Stangenball deshalb nicht als Neologismus auffassen, sondern schlicht als Anwendung der deutschen Grammatik. Ob es sich bei Stangenball um ein deutsches Wort handelt, hängt also davon ab, ob man Verwendung als Kriterium auffasst oder nicht.

Gefalt ist aus falten in Analogie zu sehen → Gesicht, beten → Gebet usw. gebildet. Es geht noch einen Schritt weiter als Stangenball, da das Prinzip, gemäß dessen es gebildet wurde, nicht mehr produktiv (im linguistischen Sinne ist), d. h., wir nutzen dieses Prinzip nicht mehr regelmäßig und ohne groß darüber nachzudenken, um Wörter zu bilden. Stattdessen greifen wir höchstens in Ausnahmefällen und bewusst darauf zurück, wenn konventionelle Wortbildungsmechanismen und existente Wörter (z. B. Faltung oder Falte) unsere Wortschatzlücke nicht adäquat schließen. Beachte, dass Gefalt ähnliche »Probleme« hat wie Stangenball: Ohne Zusammenhang ist deutlich weniger klar als bei Gesicht, was damit gemeint ist. Im Gegensatz zu Stangenball würde ich Gefalt als Neologismus ansehen. Dieses Wort als deutsches Wort aufzufassen, bedarf sehr lockerer Kriterien.

Praxist schließlich verhält sich ähnlich wie Gefalt. Den Bildungsmechanismus (siehe auch Crissovs Antwort) mag man als etwas produktiver ansehen, aber er ist nicht so produktiv, dass wir ihn unbewusst verwenden. Wie schon Stangenball und Gefalt wird es nicht weitläufig verwendet (ich konnte zumindest nichts diesbezüglich finden) und ohne Zusammenhang ist nicht klar, wovon die Rede ist:

  • jemand, der eine Praxis betreibt (analog zu Maschinist oder Flötist)
  • jemand, der sich für Praxis (als Konzept) einsetzt oder es vertritt (analog zu Utopist, Perfektionist), z. B. die Anhänger der Praxisphilosophie (siehe diesen Kommentar)
  • jemand, der praktisch denkt oder handelt (analog zu Spezialist, Solist, Realist)
  • jemand, der Praxen aufbaut, ausstattet, o. Ä. (analog zu Novellist, Porträtist)
  • jemand, der Praxen oder Praxis studiert oder untersucht (analog zu Linguist)

Ich denke, dass es schon einer sehr weiten Definition von deutsches Wort bedarf, damit Praxist sie erfüllt. Aber letztlich sind Definitionen ja kein reiner Selbstzweck, und Du musst für Dich selbst entscheiden, wieso Dich eigentlich interessiert, ob Praxist ein deutsches Wort ist. Es ist kein etablierter Begriff, bei dem Du erwarten kannst, dass er ohne Probleme verstanden wird, aber es steht Teilhabern einer Sprache frei, Wortschatzlücken zu füllen und diesbezüglich gibt es nichts an Praxist auszusetzen.

  • Äh, ja, schön, damit wären wir im Grundlegenden. Für die einen ist alles, was nicht im Duden steht, nicht ok und für die anderen ist alles, was eventuell mal im Duden stehen könnte, auch ok. Ich verstehe den ausufernden Text über wie eventuell irgendwelche Worte mal zustandekommen könnten, nicht. – Karl Jul 11 '15 at 23:03
  • 2
    @Karl: Kannst Du Dein Unverständnis irgendwie spezifizieren? – Wrzlprmft Jul 12 '15 at 6:36
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Natürlich ist Praxist, -en ein deutsches Wort. Muttersprachler verstehen mindestens im Kontext, wer damit gemeint ist, und auch fortgeschrittene Zweitsprachler. Es ist allerdings kein besonders häufiges und damit konventionelles Wort.

Sprache entwickelt sich ständig weiter und solche Neuschöpfungen leisten dazu einen essentiellen Beitrag. Allerdings folgt das Wort nur scheinbar einem gebräuchlichem morphologischen Schema.

Substantive auf -ist (Fem. +in, Pl. +en) stammen in der Regel aus einer romanischen Sprache und ihr Stamm wird mit anderen charakteristischen Endungen (inkl. der leeren) verwendet:

  1. femin+in, Femin+ist, Femin+ismus, femin+istisch; Femin+inum
  2. extrem, Extrem+ist, Extrem+ismus, extrem+istisch
  3. Tour, Tour+ist, Tour+ismus, tour+istisch; tour+en (französische Wurzel)
  4. Marx, Marx+ist, Marx+ismus, marx+istisch (Eigennamenwurzel)
  5. Sex, Sex+ist, Sex+ismus, sex+istisch
  6. Rass+e, Rass+ist, Rass+ismus, rass+istisch; rass+isch (deutsche Wurzel)
  7. Organ, *Organ+ist, Organ+ismus, organ+isch
  8. Mechan+ik, Mechan+iker, Mechan+ismus, mechan+isch (griechische Wurzel)

Dem Muster aus (2–5) folgt Prax+is/Praxis+, Prax+ist/Praxis+t offenbar nicht und auch nicht (7–8); ebensowenig den weiteren ähnlichen, leicht abweichenden Mustern, die man so findet (Realist, Nationalist, Egoist, Populist, Patriot, Zyniker, Katholik …). Wie in (1) und (6) entfällt die Endung des Grundwortes und wird durch +ist ersetzt, nur dass die vorhandene Endung -is schon dem Anfang der neuen entspricht.

Praxis ist aber auch ein eher ungewöhnliches Wort. Auf -xis enden von im deutschen Sprachgebrauch halbwegs frequenten Wörtern sonst nur noch Taxi+s (Plural), Galaxis (gebräuchlicher: Galaxie) und Axis (gebräuchlicher: Achse). Es ist natürlich etymologisch verwandt mit prakt+izieren, Prakt+ik, Prakt+ikum, Prakt+iker, prakt+isch, aber für deutsche morphologische Verhältnisse ist eine Änderung von kt zu x/ks im Stamm schon recht intransparent und geht hier auch mit semantischer Differenzierung einher. *Prakt+ist+en wäre daher keine konsequente Bildung für ‚Praxispersonal‘ gewesen und genausowenig wäre Prakt+iker angemessen gewesen – eher noch *Prax+iker.

  • 1
    In anderem Kontext kann man gelegentlich die Bezeichnung Praxist für einen Anhänger der Praxisphilosophie finden. So ganz verkehrt ist deine Antwort also nicht. – Takkat Jul 6 '15 at 13:03
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    Crissov, ich habe das Gefühl, dass die inzwischen 5 Downvotes auf Deiner weder schlampigen, noch falschen, noch irreführenden, noch am Thema vorbei gehenden Antwort eine German Language Meta-Diskussion wert ist. Ich habe keine Ahnung, was die Leute mit diesen extrem vielen Downvotes bezwecken wollen. So ist das Voting-System auf SE jedenfalls nicht gedacht. – Takkat Jul 7 '15 at 6:52
  • 2
    Nette morphologische Analyse. Allerdings werden die populärsten Neologismen nicht von Sprachwissenschaftlern ersonnen oder konstruiert und folgen eher selten den üblichen Grammatikregeln der Zielsprache. Die Antwort ist sprachwissenschaftlich interessant, hilft aber beim Abwägen darüber, ob das Wort alltagstauglich ist nicht wirklich weiter. Andere Worte, wie googeln (statt googlen) oder simsen (statt SMSen) haben ihrerseits auch keine sprachwissenschaftliche Konstruktion benötigt um sich im Allgemeingebrauch durchzusetzen. – André Kleinschmidt Jul 7 '15 at 8:04
  • 2
    "Es ist allerdings kein besonders häufiges" Leichte Untertreibung, oder? Bisher haben wir genau eine Verwendung in der Bedeutung von "Mitarbeiter einer Praxis" die mal jemand in freier Wildbahn gesehen hat. Und für das Kriterium "ist ein deutsches Wort" gibt es strengere Kriterien als "ein Muttersprachler kann sich den Sinn im Kontext erschliessen", meiner Meinung nach. Trotzdem für mich eine interessante Anwort wegen der Erklärung zur Wortbildung. – 0x6d64 Jul 7 '15 at 11:27
  • 2
    @Takkat, Oh ja, die Vorschriften, wenn man die nicht einhält, hier ist ja die Gruppe für deutsche Sprache. ich finde nur leider im obigen Text nichts, das mir verbietet, eine Antwort runterzustimmen, wenn ich denke, daß hier "Thema verfehlt" zutrifft. Der Text, den Du zitiert, ist eine Empfehlung, keine Vorschrift, da hast Du wohl als Deutscher was mißverstanden. – Karl Jul 7 '15 at 12:42
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Praxist ist kein deutsches Wort. Ich bin mir sicher, es handelt sich hier um einen Rechtschreibfehler - es sollte wohl Praxisteam heißen.

  • kann wohl sein, aber irgendjemand, zumindestens die Ärztin, müßte das dann doch bemerken und korrigieren. So macht es einen schlechten Eindruck. – Karl Jul 4 '15 at 7:11
  • 2
    Auf den zweiten Gedanken, doch eher nein, denn dann müßte es Ihr Praxisteam heißen. Das wären dann drei Schreibfehler in zwei Worten, wenn das gemeint ist. – Karl Jul 4 '15 at 7:16
  • 1
    Da hast du allerdings recht. – Thomas Weinbrenner Jul 4 '15 at 7:21
  • 2
    Es ist kaum ein übersehener Rechtschreibfehler, sondern eine klar als solche erkennbare Wortschöpfung, die als (augenzwinkernde) Alternative zum Wort 'Praxisteam' interpretiert werden könnte. Der Begriff 'Team' – so verbreitet er auch sein mag – ist im Bereich der Berufstätigkeit durchaus nicht ohne Kritik. Siehe z.B. brandeins.de/archiv/2002/zusammenarbeit/du-und-das-team oder Suchworte: Mythos Team – TehMacDawg Jul 7 '15 at 19:23
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    Ich bezweifle, das die Verfasser sich so viele Gedanken zum Wort 'Team' gemacht haben. – Thomas Weinbrenner Jul 7 '15 at 21:06
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Ich habe das Wort noch nie gehört. Entweder war das bewusst kein völlig korrektes deutsches Wort oder das Praxisteam hat's nicht so mit dem Deutschen.

Auf jeden Fall sind -ist Endungen populär im Englischen, und da heutzutage das Englisch immer dominanter wird (u.a. durch Digitalisierung und Computer) werden wir solche Konstrukte wahrscheinlich auch in Zukunft öfter sehen.

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