38

Ich suche eine gute Anrede für Bedienungen im Restaurant. Seit Fräulein in Verruf gebracht wurde, denke ich oft über eine Alternative nach. Ich habe bereits etliche Bedienungen gefragt und oft fanden sie Fräulein diskriminierend. Diese Untergruppe lehnte aber auch junge Frau und Madame ausnahmslos ab. Ich denke jetzt über Frau Kellnerin nach.

Bisher sehe ich die einzigen Ausweichmöglichkeiten in Entschuldigung und Verzeihung, wozu ich auch ständig greife. Aber das alles klingt nicht souverän, wenn man es coram publico mehr als einmal rufen muss. Es eignet sich für den Fall, in dem schon Blickkontakt besteht.

Ich habe auch Bedienung erwogen, welches ich selbst sehr herablassend finde.

Besonders störend finde ich, dass diejenigen, welche Fräulein in Verruf brachten, sich nicht um einen vollwertigen Ersatzbegriff kümmerten. Solche positiven Entwicklungen kann man ja sonst wohl beobachten etwa bei der Wortgruppe Krüppel/Schwerbeschädigte/Schwerbehinderte. Dies kann meines Erachtens nur daran liegen, dass die Betreffenden sich durchaus gegen ältere Damen abgrenzen wollen. Sonst hätte sich wohl Madame etabliert. Das Thema ärgert mich so, dass ich auch an seltenen Vorschlägen und Wortschöpfungen interessiert bin!

Es ist mir erstmal relativ egal, ob die Bedienung den Ausdruck regional, lustig oder veraltet findet und was sie – wenn ich es nicht höre – erzählt. Das wäre der zweite oder dritte Schritt. Wichtig ist mir, dass ich die Formel meistens einsetzen kann und dass darauf reagiert wird, aber ohne dass Sexismus-Vorwürfe und ähnliche Kritik aufkommen. So habe ich es schon mehrmals erlebt, dass warten, auf Blickkontakt hoffen, Handzeichen und Verzeihung nichts bewirken, Fräulein aber sofort eine (wütende) Bedienung heraufbeschwört. Ich wünsche mir eine ähnliche Wirkung, aber ohne die angeblich politisch inkorrekte Komponente.

25

Meine Antwort basiert lediglich auf meiner langjährigen (und andauernden) Gastrotätigkeit. In einem ganz normalen Restaurant, einem Café oder einer Bar gibt es:

nichts

Alles klingt gestelzt, steif, herablassend oder unnatürlich und würde vom Kellner oder der Kellnerin direkt den anderen im Team als Anekdote weitererzählt. Kurz die Hand heben oder einfach „Entschuldigung“ sind die gängigen Formen. Auch ist ein etwas lauter gesagtes „Entschuldigung“ verbunden mit Gestik relativ klar an das Service-Personal gerichtet. Verwirrung halte ich für wenig wahrscheinlich. Entsteht ja auch in der U-Bahn eher selten, wenn man „Entschuldigung“ sagt, weil man wo vorbeimöchte.

In der gehobenen Reiche-Leute-Gastro (im Adlon oder so) mag das anders sein, ist aber mit Sicherheit auch stark regional geprägt. „Ober“ in Berlin ist ziemlich unvorstellbar heutzutage (wirkt wie ein Witz).

  • 14
    Der »Ober« ist in Wien die beste Wahl wenn man einen männlichen Kellner herbeirufen will, nicht nur in der gehobenen Gastronomie, sondern auch im billigen Studentenbeisl. Beim weiblichen Servierpersonal gibt es aber auch nichts besseres als »Hallo« und »’tschuldig’n«. – Hubert Schölnast Jul 14 '15 at 0:17
  • 6
    Ich habe hier in Kreuzberg beim Frühstück auch einmal gehört, wie eine ältere Dame den bedienenden jungen Mann mit „Herr Ober“ anredete. Darauf antwortete dieser, das hätte er ja schon lange nicht mehr gehört, nur um sich dann zu korrigieren, dass er das eigentlich noch nie gehört hätte. – Carsten S Jul 14 '15 at 7:10
  • 4
    Na, in Kreuzberg ist eh überall Selbstbedienung und Pfand soll man auch noch zahlen. ;) Dennoch wird natürlich Trinkgeld erwartet. Einfach mal mit "Genossin!" probieren. ;) – user unknown Aug 3 '16 at 15:49
17
+50

Wenn die Gaststätte nicht zu vornehm ist, habe ich mit Chefin bisher gute Erfahrungen gemacht.

Insbesondere dann, wenn die Bedienung eindeutig nicht die Chefin ist...

  • 7
    Ich habe vorgestern die ersten (guten) Erfahrungen damit gesammelt. Die (viel jüngere) Bedienung grinste mich an und kam sofort:) – Ludi Jul 26 '15 at 10:22
  • Dies ist der einzige praktische Vorschlag mit (situativ eingeschränktem) erwiesenem Nutzen, daher meine Belohnung! – Ludi Aug 4 '16 at 17:07
  • @Ludi: cool! Dankeschön. – eckes Aug 4 '16 at 17:25
  • Ich würde mich doch aber um Höflichkeit bemühen und Frau Chefin sagen. – Christian Geiselmann Nov 3 '18 at 23:14
  • @ChristianGeiselmann unnötig. Die Situation ist ironisch genug, da würde das nur gestelzt und abseitig wirken... Man sagt ja auch nicht Herr Chef. Da gibt's kein Herr/Frau davor! – eckes Nov 3 '18 at 23:15
16

In ihren „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“ von 1980 empfehlen Guentherodt, Pusch, Trömel-Plötz und Hellinger, die wegbereitend für den sprachlichen Feminismus im deutschsprachigen Raum waren und somit großen Anteil am (berechtigten) Aussterben von Fräulein haben, als Alternativen für ebendiese Anrede im Restaurant Folgendes:

  • Bitte!
  • Entschuldigen Sie!
  • Würden Sie uns die Karte bringen, bitte?

(PS: Ich habe zwischenzeitlich Luise Pusch gefragt, ob sie heute eine andere oder bessere Empfehlung hätte. Sie hat das verneint, erkennt aber das Problem an. Als durchaus gebräuchliche Varianten nannte sie: Hallo!, Ich möchte gern zahlen! und Frau Kellnerin!)

In einem Kommentar hatte ich in diesem Sinne bereits für einige häufige Situationen die typisch knappen Appelle Die Karte, bitte! Die Rechnung, bitte! Zahlen, bitte! genannt, die natürlich auch etwas wortreicher ausfallen können, z. B. Wir würden gerne zahlen!

Das ist aber alles kein direkter Ersatz für eine anonyme Anrede im Dienstleistungskontext. Als gesellschaftliche statt sprachliche Lösung würde sich anbieten, dass sich das zuständige Personal (wie in manchen anderen Ländern und Branchen schon lange üblich) bei der Begrüßung den Gästen mit eindeutigem Rufnamen (ggf. ein Pseudonym) vorstellt oder, sofern sich das namentliche Herbeirufen eingebürgert hat, wenigstens ein deutlich lesbares Namensschild trägt. Personal, das „man“ bis vor 30 Jahren Fräulein oder Junge genannt hätte, würde dann tendenziell beim Vornamen, alle anderen mit vorangestelltem Frau oder Herr beim Nachnamen gerufen werden.

Der einzige existierende direkte Ersatz, der mir neben Herr/Frau Ober(kellner(in)) einfällt, wäre Bedienung!, was allerdings sehr leicht barsch und herablassend klingt – und so nur in bestimmten Situation angebracht wäre. Eher scherzhaft habe ich auch schon GastonGarçon! gehört, aber nicht darauf geachtet, ob damit auch Frauen angesprochen wurden – selbst würde ich es nicht verwenden, ebenso wenig Herr Wirt und Frau Wirtin. Bei manchen speziellen Funktionen mag das anders sein, z. B. Sommelier! oder Barkeeper!

Analog zum ebenfalls weitgehend ausgestorbenen Zimmermädchen, das nun als Zimmerservice anklopft, hätte sich das zu billigen Wortspielen einladende *Tischservice oder *Speiseservice bzw. *Getränkeservice etablieren können, hat es aber (bisher) nicht getan, selbst Service, bitte! ist (in diesem Kontext) völlig unüblich.

Nicht zu vergessen ist im Übrigen gerade in mit fremden Personen gefüllten Räumlichkeiten die nonverbale Kommunikation nach erfolgreich aufgenommenem Blickkontakt mit Gesten (Zunicken, Winken; Fingerreiben, Trinkgebärde, Deuten/Zeigen, Anzahl per ausgestreckten Fingern) und Objekten (leeres Glas, Geldbörse/Kreditkarte, …). Alles was para- oder nonverbale Töne erzeugt, also bspw. Schnipsen, Schnalzen, Klatschen und Pfeifen, ist hingegen weitgehend verpönt, nur Räuspern ist meist okay.

  • +1 𝑓𝑜𝑟 »Bitte!« statt »Entschuldigung?«… das muss ich unbedingt mal ausprobieren. – dakab Jul 29 '16 at 9:58
  • 1
    Sobald Blickkontakt besteht ist es kein Problem, den Finger zu heben. Problematisch ist es, etwas Aufmerksamkeitserregendes zu performen, ohne die anderen Gäste zu stören, mit offenem Addressaten, weil etwa ein Mann u. eine Frau als mögliche Kandidaten herumwuseln. "Würden Sie uns ..." kann man eigentlich nur äußern, wenn man schon Blickkontakt hat. Evtl. steht die Telefonnummer auf der Karte die schon am Tisch liegt, und man kann anrufen. :) Die Vase runterschmeißen, "Oh, Pardon!" rufend hat sich bewährt. ;) – user unknown Aug 3 '16 at 15:56
  • Richten Sie Frau Pusch bei Gelegenheit aus, daß man mit Bitte! noch schlechter fährt als mit Verzeihung,und daß sie, die uns dies einbrockte, am ehesten einen Gegenvorschlag unterbreiten könnte, der eine Chance hätte, sich durchzusetzen. Mir liegt wenig daran Fräulein zu rehabilitieren – das Kind ist schon vor zu langer Zeit in den Brunnen gefallen – aber einen Ersatz möchte ich doch finden, bevor ich den Löffel abgebe! – Ludi Dec 22 '17 at 22:23

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.