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Diese Frage wurde auch hier (auf Englisch) beantwortet:
Addition of “-n” to dative or accusative of “Erde”

Was für ein Nomen ist Reisen im ersten Lied der „Winterreise“ (Müller-Schubert):

[...]
Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit
[...]

Es muss also weiblich sein, da das Adjektiv meiner ist. Aber ich kenne nur:

  1. Reise (weiblich, aber ohne n am Ende)
  2. Reisen (sächlich, das substantivierte Verb)

Woran scheitere ich?

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Bei Reisen handelt es sich in diesem Fall um eine alte Dativform von Reise. In moderner Sprache würde es also zu meiner Reise heißen.

In älterer Literatur sind derartige Formen nicht besonders selten, etwa gleich im ersten Vers von Schillers Glocke:

Fest gemauert in der Erden
steht die Form, aus Lehm gebrannt.

In der heutigen Standardsprache hat sich für Feminina der Nullsingular vollständig durchgesetzt, in allen Kasus tritt also im Singular dieselbe Form auf. Allerdings sind noch ein paar feste Verbindungen erhalten, etwa auf Seiten und von Seiten (von Seiten der Befürworter = von (der) Seite der Befürworter) sowie auf Erden. In Dialekten kommen abweichende Deklinationen weiterhin vor.


Detaillierte Informationen zu derartigen alten Parallelformen findet man in Grammatiken zum Frühneuhochdeutschen, weil es darin genau um diese Übergangsprozesse zum Neuhochdeutschen geht. Die Singularformen einiger Feminina auf -(e)n werden etwa bei Reichmann/Wegera (Hrsg.), Frühneuhochdeutsche Grammatik, Tübingen 1993, in § M 18 behandelt (S. 177 f.), wo für noch mehr Einzelheiten verwiesen wird auf Nerius, Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der deutschen Literatursprache im 18. Jahrhundert, Halle 1967, S. 181 ff., und auf die große Grammatik des Frühneuhochdeutschen, Band 3 (Flexion der Substantive, Heidelberg 1987), S. 147.

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    Vergleiche auch das häufig gehörte, weil regional beliebte: "Zu Lübeck auf der Brücken" und "auf der Wiesen" – Ludi Jul 22 '15 at 5:39
  • Mein Leben lang habe ich denkfaul angenommen, "von Seiten" sei ein Plural, obwohl das inhaltlich unsinnig wäre... Dankeschön! – Kilian Foth Aug 23 '16 at 11:15
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Ich vermute keine besondere Grammatik dahinter – was nicht heißt, dass es nicht von Wissenderen derart erklärbar ist –, sondern einfach nur künstlerische Freiheit des Reimes wegen. Der Blick über die folgenden Beispiele soll kurz ein paar Varianten aufzeigen, in denen bestimmte Reime erst durch das "zurechtbiegen" bestimmter Worte möglich wurden.


Beispiel 1: aus Erich Mühsams Der Revoluzzer

(...)
Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.
(...)

Allein in dieser einen Strophe des Gedichtes kommt schon sehr viel zusammen.

Zum einen ist es ein ähnlicher Vorfall, wie im Beispielgedicht des Fragestellers, indem auf schritten Mitten gereimt wird. Dies kann freilich dem alten Dativ zugeordnet werden, wie es von chirlu beschrieben ist, das kann aber auch einzig des Reimes wegen derart angebracht worden sein.

Zum anderen kommt eine alte Version von unverdrossen in Form des unverdrutzt dazu, die meiner Meinung nach sowohl des interessanten Wohlklangs des Wortes selbst dort steht als auch erneut dem Reim auf putzt dienen soll. Hierbei bin ich mir aber deutlich unsicherer.

On top of that gibt es, damit der Vers in das gewünschte Versmaß passt, eine gekürzte Version von "ansonsten", welches in seiner Gänze nicht gut klingen und auch nicht passen würde. Sonsten passt aber sehr gut an diesen Platz, folglich wurde es gewählt.


Beispiel 2: Erich Mühsam, Es stand ein Mann am Siegestor

Es stand ein Mann am Siegestor,
der an ein Weib sein Herz verlor.
Schaut sich nach ihr die Augen aus,
in Händen einen Blumenstrauß.
Zwar ist dies nichts Besunderes.
Ich aber – ich bewunder es.

Hier soll bewunder es gereimt werden, was selbst schon eigentlich eher ein "bewundere es" hätte sein müssen, das mit Besonderes nicht funktioniert. Deshalb wurde in diesem Falle der Vokal gegen einen sehr ähnlich klingenden, das O, getauscht.


Beispiel 3: aus Wilhelm Buschs Die Selbstkritik hat viel für sich ...

(...)
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
(...)

Kritiküssen ist ein falscher Plural von Kritiker, welches keinen expliziten Plural besitzt. Ohne diese stilistische Änderung ist der Reim auf diesen Bissen aber nicht möglich, also wurde ein reimsicherer Plural eingefügt.

Zudem würde ich hier Wilhelm Busch mit einem Augenzwinkern im Hinblick auf seine eigenen Kritiker andichten wollen, durch geschickte Verballhornung ihrer Berufsbezeichnung ihnen einen kleinen Gruß in Form eines schelmischen Kusses zukommen zu lassen.


Aus eigener Erfahrung beim Gedichteschreiben bin ich nicht der Überzeugung, dass hinter jedem Wort und hinter jeder Wortform irgendein großer Gedanke stehen muss, was mitnichten heißen soll, dass das irgendwie auszuschließen ist. Oftmals hat man aber einen Reim im Kopf, der irgendwie nicht will, und dann fällt einem ein Wort ein, welches vielleicht mit leichtem Verformen doch irgendwie in den Reim hineinpasst, und dann nimmt man das.

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