Ich benutze noch immer das generische Maskulinum. Da ich eine Frau bin, nimmt es mir auch keiner übel. Doch überall wo ich lese, erscheint ein anderer Ausdruck und Unterstreichung des Sexus.

In Zeitungen, Wikipedia und akademischen Werken lese ich nur das generische Maskulinum. Wenn ich mir aber Zeitschriften wie die "Emma" oder "Taz" kurz anschaue, sehe ich nur den Binnenmajuskel.

Dann gibt es Universitäten, welche nur das generische Femininum nutzen.

Dann gibt es viele Briefe, die mit "Leserinnen und Leser" oder "Leser/innen" usw. verfasst werden.

Neuerdings werden ganze Gesetze mit "zu Fußgehenden" etc. umgeschrieben.

Meine Fragen:

  • darf ich immer noch das generische Maskulinum nutzen?
  • wo, wie und wann benutze ich die verschiedenen Geschlechtveranschaulichungen? In jeder Situation eine andere?

Ich habe jetzt so viele verschiedene Methoden gesehen — jeder macht 's, wie er es will. Ich sehe kein System. Hoffentlich könnt ihr mir helfen die einzelnen Methoden aufzulisten und mir erklären, wann man welche nutzt.

  • 4
    Es gibt schon einige Fragen zu diesem Thema hier: german.stackexchange.com/questions/18744 german.stackexchange.com/questions/2370 german.stackexchange.com/questions/13735 (englisch) german.stackexchange.com/questions/7963 (englisch) - keine beantwortet aber Deine Frage nach dem System dahinter und wann man das generische Maskulinum nicht verwenden sollte. Vielleicht möchtest Du in Deiner Frage präzisieren, was Dir an den dortigen Antworten fehlt, damit die Leute hier kein Duplikat sehen. – Takkat Jul 26 '15 at 6:07
  • 1
    siehe vielleicht auch diese Antwort: german.stackexchange.com/a/22055/9551 – Loong Jul 26 '15 at 8:39
  • 2
    In ihrem jetzigen Zustand ist die Frage ziemlich meinungsbasiert (auch wenn das vielleicht gar nicht beabsichtigt ist), da es keinerlei Kodex diesbezüglich gibt und sich damit alles auf nicht mit Tatsachen untermauerbare Fragen wie diejenige reduziert, ob das generische Maskulinum der Gleichberechtigung abträglich ist oder nicht. – Wrzlprmft Jul 26 '15 at 8:42
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    Liebe Frau Fröhlich, nutzen Sie doch die Deutsche Sprache in der schönen Form, die sie gewohnt sind - insbesondere wenn niemand Sie kritisiert - denn auch als Frau wird man das schon. Sie leisten damit einen Beitrag zur Abkühlung der Gemüter und der Einkehr der Vernunft. Anfangs war es mir ein ernstes Anliegen, niemanden zu kränken. Je mehr ich mich mit diesen Dingen beschäftige, desto mehr verliere ich jede derartige Hoffnung. – Ludi Jul 26 '15 at 10:15
  • 2
    In die Emma habe ich schon lange nicht mehr geschaut, aber Du scheinst ebenso lange nicht mehr in die taz geschaut zu haben. – Carsten S Jul 26 '15 at 10:46
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Ich halte das Binnen-I für eine ungrammatikalische Abomination. Je nach intendierter Zielgruppe wird man mit dem generischen Maskulinum das Auslangen finden, oder eben beide Geschlechter verwenden müssen.

Weder die Emma noch die taz sind dabei repräsentative Beispiele.

Darf ich immer noch das generische Maskulinum nutzen?

Wer will es Dir verbieten?

Ich habe jetzt so viele verschiedene Methoden gesehen - jeder macht wie er es will.

So ist es.

Ich sehe kein System.

Es gibt keinen einheitlichen Standard.

  • 1
    Wer will es dir verbieten? Nun, falls man Texte nicht nur privat verfaßt, sondern für einen Arbeit- oder Auftraggeber, kann der durchaus Vorgaben machen, und das geschieht auch. – chirlu Jul 26 '15 at 8:53
  • 1
    Als Beispiel § 4 Landesgleichstellungsgesetz NRW: Gesetze und andere Rechtsvorschriften sollen sprachlich der Gleichstellung von Frauen und Männern Rechnung tragen. Im dienstlichen Schriftverkehr ist auf die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern zu achten. In Vordrucken sind geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen zu verwenden. Sofern diese nicht gefunden werden können, sind die weibliche und die männliche Sprachform zu verwenden. – chirlu Jul 26 '15 at 8:56
  • Und die genaueren Vorgaben im Rahmen eines Erlasses: recht.nrw.de/lmi/owa/br_show_anlage?p_id=958 – chirlu Jul 26 '15 at 9:03
  • Sicher, der Staat kann von seinen Beamten (wie jeder Arbeitgeber von seinen Bediensteten) auch Texte in toten und lebend Fremdsprachen oder ärgers verlangen ... für alle anderen gilt: eine normative Pflicht zu gendern gibt es nicht, und das gilt erst recht fürs Binnen-I (wäre ja noch schöner) – Ingmar Jul 26 '15 at 11:08
  • 1
    OT: Und ich dachte immer, "abomination" sei ein englisches Wort, und die deutsche Entsprechung sei "Greul" ... Woerterbuchnetz.de findet es übrigens nicht. – dirkt Jul 26 '15 at 19:25

darf ich immer noch das generische Maskulinum nutzen?

Natürlich, außer wenn der (i.d.R. geschriebene und ggf. vorgetragene) Text bestimmten Richtlinien entsprechen muss, die etwa eine Redaktion oder Behörde für Dokumente aus ihrem Haus beschlossen hat (siehe unten).

wo, wie und wann benutze ich die verschiedenen Geschlechtveranschaulichungen? In jeder Situation einen anderen?

Das hängt u.a. von der Textsorte ab. In Formularen oder Tabellen wird man sich bspw. entweder für eine Kurzschreibweise von Beidnennungen entscheiden oder geschlechtsneutrale Formulierungen verwenden. Manchmal ist es sinnvoll verschiedene Varianten zu verwenden, anderswo muss man sich einmal für eine entscheiden und diese durchhalten, was auch einen Einfluss auf die Wahl hat.

Leitfäden

Es gibt verschiedene Leitfäden oder Richtlinien für einen geschlechter-/gendergerechten/-fairen/-sensiblen Formulieren allgemeiner Sprachgebrauch im Sinne des Gender Mainstreaming, manchmal ergänzt um Regeln und Hinweise zu Illustrationen aller Art oder zu anderen Diskriminierungsgründen (Herkunft, Aussehen, Stand etc.). Fast jede Hochschule (z.B. die Uni Köln) gibt heutzutage einen eigenen heraus, die Unterschiede halten sich in Grenzen. Die meisten sind eher kurz (so 2 bis 8, manchmal rund 20 A4-Seiten) und begründen ihre Empfehlungen nicht oder nur unzureichend, sondern stellen einfach nur diverse Möglichkeiten vor (und lassen nicht bevorzugte weg).

Wirklich umfangreich (190 Seiten), durchdacht und strukturiert (Begründung, Möglichkeiten, Faustregeln, Textsorten, Stichworte) – entsprechend häufig referenziert, aber meistens schlecht abgeschrieben – ist der Leitfaden der Schweizer Bundeskanzlei. Er entscheidet sich nur etwas zu häufig dafür, Frauen bzw. das Geschlecht unbedingt sichtbar machen zu wollen, wo Konservative und Queerttheoretiker oder LGBT-Bewegte anderer Meinung wären. Der Schweiz- und Verwaltungsfokus ist erträglich. Für deutsche Bundesbehörden gibt es u.a. das BBB-Merkblatt M19.

Der Ursprung für den deutschen Sprachraum sind die in den Linguistischen Berichten 1980 und 1981 erschienen „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“ von den Vorreiterinnen des sprachlichen Feminismus in Deutschland, Ingrid Guentherodt, Marlis Hellinger, Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz. Klassiker aus den 1990ern stammen von der UNESCO und vom Netzwerk schreibender Frauen. Zur Abschreckung aus der ganz linken, queertheoretischen Ecke stammt ein aktuelles Papier aus der HU Berlin.

Alle diese Leitfäden lehnen das „generische Maskulinum“ ab (außer evtl. für rein juristische Personen) und bestehen oft fast nur aus Vorschlägen, wie man es ersetzen kann, um entweder auch Frauen explizit zu nennen oder Hinweise aufs Geschlecht ganz zu verstecken. Die besseren Regelwerke fordern, gerade nicht bestehende Texte im Nachhinein „durchzugendern“, sondern sie bereits initial geschlechtsbewusst zu formulieren.

Vorschläge

Das eigentliche Problem sind aber nicht maskuline Generika (der Mensch, Gast, Lehrling) und Pseudogenerika (der Leser, Kollege, Rektor), sondern dass es überhaupt feminine Spezifika gibt, die von diesen – insbesondere aber von Nomina Agens auf +er mit Verbalstamm – regulär abgeleitet werden (die Leserin, Kollegin, Rektorin, sogar Männin, jedoch nicht die *Menschin, *Gästin, *Lehrlingin), aber keine parallelen maskulinen Spezifika – und natürlich auch keine zu femininen oder neutralen Generika (die Person, das Kind). Nur einige Fremdwörter aus Sprachen mit echtem Differenzialgenus (Guillero, Guillera; Magister, Magistra) und Komposita mit partiallexemisch determinierten Geschlecht (Fachmann, Fachfrau, Fachleute; Tennisdamen, Tennisherren) sind wirklich geschlechterparallel. Diverse Konstrukte sind hingegen geschlechtsabstrakt, darunter überwiegend feminine, neutrale oder plurale Derivative und Komposita (die Putzhilfe, Lehrkraft, Vertrauensperson, das Personal, Publikum, Rektorat, die Stellvertretung, Belegschaft) sowie eingeschränkt substantivierte Adjektive und Partizipien (der/die Grüne, Studierende, Abgeordnete und -n, aber ein Grüner, Studierender, Abgeordneter).

Meine derzeitige allgemeine Empfehlung, die nicht den gängigen feministischen oder queeren Ansprüchen genügt, ist, Agentien mit +er ebenso zu vermeiden wie Movierungen mit dem Suffix +in(nen)! Die Frage nach der besten Kurzschreibweise (Klammer, Schrägstrich, Binnenmajuskel, Gendergap etc.) von Beidnennungen stellt sich dann bspw. gar nicht. Allerdings erfordert das entsprechende Formulieren etwas Übung, die mir selbst noch fehlt, und die nötige sprachliche Kreativität erzeugt hier und da auch einen Neologismus, der ebenso befremden kann wie der dann sich leicht einschleichende unlebendige, entpersonalsierte Stil. Es hilft allerdings, wenn man die Pronomen man (inkl. jemand, niemand) und wer (inkl. sein) nicht verteufelt.

  • Im Normalfall benutzt man das generische Maskulinum, weil es sprachlich richtig ist.
  • Bei öffentlichen Reden und Ansprachen spricht man aus Höflichkeit beide Geschlechter an ("Liebe Damen und Herren!", "Verehrte Professorinnen und Professoren") und fährt dann wie oben fort.
  • Wenn man in einer Bittstellerposition ist und die Seite der Macht eine andere Politik verfolgt, fügt man sich deren Wünschen und Gewohnheiten, wenn es das wert ist.

Alles was Ingmar sagt.

Ergänzend:

Das generische Maskulin bedeutet nicht, dass man die männliche Form über alles drüber stülpt, wie es allerorts behauptet. Sondern es ist genau umgekehrt. Es gab erst eine allgemeine Form, dann wurde eine explizit weibliche dazu erschaffen. Das bedeutet, dass in der allgemeinen Form die männliche enthalten ist, aber nicht exklusiv. Das passt allerdings nicht ins politische Narrativ.

Ansonsten finde ich den Ausdruck nicht schlecht. Allerdings setzt er vorraus, dass man weiß, was generisch, Generikum bedeutet. Im Prinzip ist es ein Abstraktum, das nur von Situation zu Situation konkretisiert wird.

In der Informatik wird dies durchaus genutzt. In einigen Programmiersprachen gibt es generische Datentypen, in einigen werden sie abstrakte Datentypen genannt, und bedeutet, dass man sich zur Programmierung noch nicht festlegt, welche Datenform (Ganzzahl, Kommazahl, Buchstabe, Kurztext, Langtext, ...) in einer Variable gespeichert werden soll, sondern dies erst zur Laufzeit, zur konkreten Ausführung, geschieht. Das bedeutet, der gleiche Programmcode kann alle 3 Sekunden was anderes bedeuten oder abarbeiten. Genau wie Wörter im Generischen Maskulin.

Zurück zur Sprache. Ach, ich lass gleich einen Sprachwissenschaftler ran.

Also kurz die Entstehung der Genera (Latein):

  1. Standardform

  2. Unterscheidung lebendig (-s) / nicht lebendig (-m)

  3. Sonderform lebendig + weiblich (-a)

( 4. Sonderform lebendig männlich (-us) )

  1. weitere Sonderformen & Erweiterungen -> weiblich (z. B. fallen, der Fall, die Falle)

Die Ikonizität spielt dabei auch eine wichtige Rolle, aber das hat jemand sehr schön und ausführlich beschrieben (äußerst empfehlenswert!):

PS: Schrecklich, dass jetzt schon den Frauen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie das nutzen. Könnte aber auch bedeuten, dass das Sprachgefühl korrekt ist und das andere politische Agitation ist...

  • »Ach, ich lass gleich einen Sprachwissenschaftler ran« – das klingt für mich, als wäre etwas vom Folgenden ein Zitat, es ist allerdings nichts explizit zitiert (und keine Quelle angegeben). Ist da nun ein Zitat, oder leitet mich mein Gehirn auf Abwege? – Jan Nov 21 '16 at 2:33
  • 1
    Beantwortet die Frage nicht. – Carsten S Nov 21 '16 at 7:11

Da es bisher noch in keiner Antwort erwähnt wurde: Das generische Maskulinum eignet sich nicht für eine Gruppe von Frauen bzw. weiblichen Angesprochenen.

Die beste Variante, mit der Kritik am generischen Maskulinum umzugehen, ist meiner Meinung nach: Hin und wieder oder generell das generische Femininum zu nutzen (generell -> eher als Frau). Das zeigt ganz klar auch der priviligierten Gruppe das Problem des generischen Maskulinums auf. "Bin ich jetzt mitgemeint oder nicht?"

  • Eine Gruppe weiblicher Studenten kann als durchaus geben. Siehe die Antwort von Toscho in diesem Thread: german.stackexchange.com/questions/13735/… – Iris Nov 18 '16 at 15:42
  • Und das ist weniger problematisch als einfach Studentinnen? Oder richtiger? Wo steht, dass das richtiger wäre? – PythoNic Nov 18 '16 at 15:53
  • 4
    Du schreibst, dass das generische Maskulinum sich nicht eignet für eine Gruppe von Frauen bzw. weiblichen Angesprochenen. Das stimmt so aber nicht. Man kann durchaus auch eine Gruppe von weiblichen Studenten mit dem generischen Maskulinum ansprechen. Das ist nicht falsch (Richtiger ist aber auch auch nicht). – Iris Nov 18 '16 at 16:37
  • Ich persönlich habe keine Probleme, mich mitgemeint zu fühlen, wenn regelmäßig oder manchmal generische Feminina verwendet werden. – Jan Nov 18 '16 at 16:52
  • 2
    Das sprachliche Geschlecht ist einfach etwas anderes, als das Geschlechtsmerkmal gemeinter oder möglicherweise gemeinter Individuen. Wer die Polizei ruft, der weiß nicht, ob gerade nur Frauen, nur Männer oder Personen gemischten Geschlechts auf der Wache sind und will es auch nicht wissen. Die Bäckerinnung wird auch nicht umbenannt, wenn ihr nur noch weibliche Bäcker angehören und Du sagst auch "die Person" wenn es ein Mann ist. Die Gendersprache basiert auf einer Verschwörungstheorie und wie ein Hebel, der am falschen Punkt ansetzt, kann sie auch kein Problem lösen. – user unknown Nov 18 '16 at 20:03

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