17

Der linguistische Feminismus kritisiert seit mehr als 35 Jahren die deutsche Sprache für ihre scheinbar unsystematische und unfaire Geschlechtsmorphologie. Fast alle belebten Substantive können durch das Suffix +in als [+weiblich] (und [+Femininum]) markiert werden, insbesondere maskuline, die auf -er enden, z.B. Leser+in (sog. Movierung oder Motion). Es gibt hingegen keine regelmäßige Möglichkeit, ein Substantiv als [+männlich] zu markieren, aber es gibt einige Derivationsmorpheme, die ein Wort ins [+Maskulinum] zwingen, z.B. +ling mit verhältnismäßig geringer Bedeutungsänderung. Einige Substantive verfügen über einen gemeinsamen Stamm und geschlechtsabhängige Endungen, z.B. Zeug+e/+in. Substantivierte Adjektive und Partizipien ändern ihr Flexionsverhalten nicht und daher sind die Geschlechter nach bestimmtem Artikel der/die nicht zu unterscheiden, nach unbestimmten ein/eine hingegen schon, z.B. Studierend+er/+e. Daneben gibt es natürlich Paare (und mit Plural Tripel) aus völlig unterschiedlichen Lexemen, die auch in Komposita auftauchen, z.B. Kauf+mann/+frau/+leute.

Im Englischen gibt es bekanntlich fast gar kein Nominalgenus mehr – nur Ausnahmefälle wie actor / actress – und im Niederländischen sind Maskulinum und Femininum inzwischen weitgehend formidentisch, also wie in den nordgermanischen Sprachen Skandinaviens zum Utrum zusammengefallen. Luise Pusch hat schon 1984 (vielleicht als erste hinreichend öffentlich) vorgeschlagen, Maskulinum und Femininum für unspezifische Personenbezeichnungen durch das Neutrum zu ersetzen, also das Leser, das Zeuge, das Student, und für spezifische Personen das Geschlecht nur in Artikeln oder anderen Attributen anzuzeigen, also +in abzuschaffen, d.h. der/die Leser, der/die Zeuge, der/die Student.

Ich weiß, dass es auch andere Vorschläge für systematische – aber natürlich hypothetisch bleibende – Reformen des deutschen Sprachsystems gegeben hat, die analog zu +in ein männliches Morphem einführen, z.B. +on. Allerdings finde ich dazu praktisch keine konkreten, fundierten Texte abseits von Adhoc-Vorschlägen in Forenkommentaren o.ä. Eine Ausnahme ist Die Häsis und die Igelin, wo weitergehende Änderungen anhand literarischer Texte experimentell umgesetzt wurden. Welche systematischen Reformvorschläge gibt es noch?

Ich möchte hier nicht über Sinn oder Erfolgsaussichten solcher Reformvorhaben diskutieren.

Nachtrag: Das Lexikographieblog hat das Thema mal diskutiert und dabei auf Sylvain/Balzer (2008) verwiesen (din Studentnin „Indefinitum“), was auf mich einen sehr amateurhaften Eindruck macht.

  • 4
    Dieser Schreiberling schreibt von „verhältnismäßig geringer Bedeutungsänderung“? – chirlu Aug 20 '15 at 20:55
  • 6
    -rich ist eine native Möglichkeit, belebte Substantive als [+männlich] zu markieren. Der Händlerich wäre zwar sehr komisch, aber eindeutig männlich. – Veredomon Aug 21 '15 at 0:28
  • 4
    Oder ~bock: Die Geis, der Geisbock, die Ziege, der Ziegenbock, die Hebamme, der Hebammbock? – user unknown Aug 21 '15 at 4:09
  • @chirlu +ling wird interessanterweise nur mit schreiben/Schreiber und dichten/Dichter so abwertend verwendet. Ansonsten hat es teilweise eine diminutive oder eine im Nebel der Etymologie völlig intransparente Funktion. – Crissov Aug 21 '15 at 12:54
  • 1
    "Zeuge" ist zwar als Wort männlich, aber kein hinreichendes Sprachmittel um das Geschlecht des Zeugen zu markieren. Es ist damit nicht anders als Bäcker, Wähler oder Fußgänger. Das Wort ist männlich, die bezeichnete Person geschlechtlich unbestimmt. Das ist empirisch nicht widerlegbar - siehe auch Zeugenschutzprogramm, -stand usw. Für die meisten Wörter auf "ling" gibt es kein Wort ohne die Endung (Zwil, Flücht, Hänf) und auch da wird das Geschlecht des Wortes zwar vorgegeben, aber nicht das der gemeinten Person. Die Frage wirft Geschlecht des Bezeichners und des Bezeichneten durcheinander. – user unknown May 22 at 2:21
1

Ein sehr umfassender "Reformleitfaden" wurde an der Berliner Humboldt Universität von der AG Feministisch Sprachhandeln entwickelt und ist unter http://feministisch-sprachhandeln.org/ zu finden.

Dieser Leitfaden zeigt auch eine Übersicht über bereits existierende Vorschläge "antidiskriminierender Sprachhandlungen" (was als genauerer Ausdruck für "geschlechtsneutrale Sprache" verstanden werden kann):

Überblick

Insb. die sog. X-Form lädt zur Häme ein, weil sie radikal wirkt und ungewöhnlich klingt. Eine der Ideen davon ist, dass auch die oft verwendete Form "Studentinnen und Studenten" ja nur scheinbar geschlechtsneutral ist, weil die anderen 56 Geschlechter ausgeschlossen sind.

Lann Hornscheidt - die AG leitendx Professx - erklärt dazu: "Die X-Form soll deutlich machen: Es gibt noch mehr als Frauen und Männer. Alle Sprachänderungen vorher haben versucht, Frauen sichtbarer zu machen. Das X soll einen Schritt weiter gehen und Geschlechtsvorstellungen durchkreuzen, auch bildlich."

Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: eine explizit männliche Form gibt es dann (soweit ich das richtig verstanden habe) in diesem System gar nicht mehr. Man (sic!) würde wahrscheinlich sagen männlichx Professx, falls wirklich explizit ein Mann (in welchem klassischen Sinne auch immer) gemeint ist. Der Vorschlag für männliche Movierung wäre also die Formel:

Adjektiv (männlich) + x + Wortstamm + x

(Beispiele: männlichx Arztx, männlichx Fußballspielx usw.).

  • 3
    Das kann man ja in geschriebener Form alles machen, aber wie würde man Studierxs aussprechen (und vom Singular Studierx unterscheiden können)? – chirlu Aug 27 '15 at 16:58
  • Das ist eine gute Antwort, aber leider auf eine andere Frage. Bei der Ausrichtung dieser AG – ich habe deren Leitfaden vor einigen Wochen oberflächlich gelesen – verwundert es auch wenig, dass sie sich nicht um Vorschläge kümmert, wie sie mit der Frage gesucht werden, denn die zementieren die Zweigeschlechtlichkeit und erlauben anderen Geschlechtern bestenfalls, sich in der Form für das unbekannte Geschlecht (Utrum oder – bei Sylvain/Balzer – Indefinitum) wiederzufinden. – Crissov Aug 27 '15 at 18:29
  • 2
    @Olaf Und wie soll dann xs ausgesprochen werden? Ikss ist ja wohl nur schwer von iks zu unterscheiden. Ich hatte die Humboldt Universität für etwas seriöser gehalten... – idmean Dec 23 '15 at 20:01
  • 2
    Und irgendwann fällt den Genderisten auf, dass bei der A-Form (Tabelle, letzte Zeile) der Posessiv sein ist, also männlich, also durch essens oder irgendwas ersetzt werden muss – wäre bereit, zehn Euro darauf zu verwetten. – Jan Dec 24 '15 at 17:12
  • 1
    Ich dachte das X wird lediglich als Varibale verwendet, um die Lösung zu beschreiben, ohne konkrete Laute festzulegen. – Rotareti Dec 28 '15 at 16:04

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.