10

Ich stehe gerade auf dem Schlauch und mir fällt momentan kein genauer Begriff ein. Und zwar möchte ich das Essverhalten meines Sohns beschreiben:

Er hat im Urlaub gesehen, wie meine Schwägerin sich reichlich übergeben hat (durch Eigeninitiative), nachdem Sie in ihrem Essen einen »Fremdkörper« gefunden hat. Seitdem ist unser Sohn sehr schwierig, was das Essen betrifft, und es kommt schon mal vor, dass er Essen zurückweist oder ausspuckt, weil er meint, da sei etwas Komisches drin. Zum Beispiel empfindet er kleine Pilze oder Champignons in einer Pilzsuppe als Fremdkörper.

Leider fällt mir dazu nur der norddeutsche Ausdruck etepetete ein oder pingelig, aber kann man das für ein Essverhalten benutzen?

  • Dürften alle regional sein. Persönlich würde ich schnäkig sagen. Anderswo heißt es zum Beispiel heikel, wenn ich mich nicht täusche. – chirlu Oct 23 '15 at 9:15
  • @chirlu dann müsste ich wohl nach einer Bayrischen Version fragen ;) – Medi1Saif Oct 23 '15 at 9:24
  • In Österreich, in der Umgangssprache: »haklich« (mit langem a gesprochen). Heißt auf Hochdeutsch: »heikel« – Hubert Schölnast Oct 23 '15 at 10:41
  • Nicht essenbezogen, aber in dem Kontext auch nciht falsch: Mimosenhaft. – user unknown Oct 25 '15 at 0:08
14

Für dieses Verhalten, das sich natürlich nicht nur an jungen Kindern sondern auch an Erwachsenen beobachten lässt, existieren im deutschen Sprachraum viele Ausdrücke, die der Atlas der deutschen Alltagssprache zu folgender Karte zusammengefasst hat:

Waehlerisch beim Essen

Als verbreitetste deutsche Variante fällt mäkelig ins Auge (grüne Punkte), während insbesondere in Nordrhein-Westfalen fast alle möglichen Ausdrücke vorkommen. Weitergehende Erklärungen finden sich auch auf der Seite des Atlas:

Für Personen, die sehr wählerisch sind, wenn es ums Essen geht, gibt es sehr viele Bezeichnungen – geradezu ein Feuerwerk an Varianten. Dennoch lassen sich die Varianten zu folgenden Grundformen zusammenfassen: Südlich von Donau und Thaya sagt man überwiegend heikel (auch in den Formen haklich, haglich oder hoigl). Im Frankenland heißt es gnäschig, in Baden-Württemberg schleckig und in der Schweiz zum Teil gschnädderfräsig. In Norddeutschland, besonders im Nordosten, aber nicht in Schleswig-Holstein (hier sagt man krüsch), hört man überwiegend mäkelig, in Sachsen auch käbsch, in der Pfalz und im Saarland, teilweise auch in Baden-Württemberg, schnäkig. In Ostbelgien und im Mosel-Saar-Gebiet heißt es auch klott, am Mittelrhein schlauchig. In Westdeutschland ist dann kaum noch eine Ordnung zu erkennen, die bunteste Vielfalt findet sich dabei in Nordrhein-Westfalen. Hier nur einige Beispiele: mäkelig, schnücks(ch), pingelig, leksch, schlauchig, wählerisch ... und viele weitere. Zu vielen dieser Ausdrücke gibt es entsprechende Dialektwörter. Deshalb finden sich vor allem in Dialektwörterbüchern Informationen über die Herkunft vieler dieser Ausdrücke, vgl. z.B.: schnäkig (vgl. PfWb, V, Sp. 1219f.: schnäkelig zum Verb schnäken mit der Doppelbedeutung 'wählerisch beim Essen sein' oder auch 'heimlich naschen') klott (vgl. RhWb, II, Sp. 1290: glutt 'wählerisch im Essen') schlauchig (vgl. RhWb, VII, Sp. 1262f., zu schlauchen in der Bedeutung 'etwas Gutes essen, das Beste oben wegessen, naschen u. ä.'. Schlauch (mhd. sluoch) kann nach Kluge (S. 724) auch einen Rüssel bezeichnen, also evtl. eine Anspielung auf die "kritische Nase"?) schnäubisch (vgl. RhWb, VII, Sp. 1560: zum Verb schnauben, verwandt mit schnuppen 'etw. Leckeres essen, naschen'). Zudem besteht wohl eine Verwandtschaft zu den Lexemen schnuppern, schnauben (also das Essen kritisch beschnuppern). Eventuell stellt der Anlaut sch auch eine Lautgebärde für die kritisch hochgezogene Oberlippe des „kritischen Gourmets“ dar (Kluge, S.735). pingelig (vgl. RhWb, VI, Sp. 848: zum Verb pingeln in der Bedeutung 'langsam und ohne Appetit essen') krüsch geht nach Kluge, S. 490, wohl auf das Adjektiv kürisch zum Verb küren (= 'wählen') zurück. Zuerst wurde die Form wohl zu kürsch verkürzt und anschließend die Laute ü und r vertauscht.

  • Wahnsinn, versteht man einander da überhaupt noch ;)? – Medi1Saif Oct 23 '15 at 9:51
  • 2
    @MediSaif Solange du hoakl sagst, versteh ich dich dabei wunderbar ;) – Jan Oct 23 '15 at 9:53
  • 1
    Es fällt auf, dass viele dieser Wörter Dialektwörter oder Wörter der Umgangssprache sind. So steht z.B. das in Ost-Österreich und Südbayern verbreitete Wort »haklich«, mir als erstes einfiel als ich die Frage las, weder im ÖWB noch im Duden. Und das zurecht, denn man würde nicht erwarten, dieses Wort in einer Zeitung zu lesen, oder von einem Nachrichtensprecher zu hören. Insofern wäre interessant, eine ähnliche Karte zu sehen, wenn nur standarddeutsche Begriffe erlaubt wären (also Wörter, die auch ein Nachrichtensprechen im Fernsehen verwenden würde). – Hubert Schölnast Oct 23 '15 at 10:48
  • 1
    Die Zielsetzung des Atlas ist mir schon klar. Trotzdem wäre es interessant zu erfahren, welche standardsprachlichen Wörter die Redakteure von Lokalzeitungen in unterschiedlichen Regionen verwenden würden. – Hubert Schölnast Oct 23 '15 at 11:33
  • 2
    @Jan: Also "standardsprachlich" ist "heikel" in dieser Bedeutung denke ich nicht. Es mag sein, dass es in mehreren aneinander angrenzenden Dialekten so verwendet wird, aber andererseits bin ich in Südwestdeutschland aufgewachsen und kenne "heikel" ausschließlich als so etwas wie "kritisch", "riskant". Hättest du mir gesagt, dass du beim Essen "heikel" bist, hätte ich vor dem Lesen dieser Frage nicht verstanden, was du meinst. – O. R. Mapper Oct 23 '15 at 13:27
3

Pingelig im Kontext von Essverhalten wäre meiner Meinung nach mäkelig.

Wie wählerisch, aber mit negativer Konnotation: übertrieben, unbegründet.

  • wählerisch finde ich gar nicht so schlecht, aber war wohl zu einfach, als dass es mir spontan einfallen würde ;) – Medi1Saif Oct 23 '15 at 10:39
  • 1
    Ich verwende wählerisch, pingelig und mäkelig, beziehe aber die letzten beiden selten aufs Essen – Ludi Oct 23 '15 at 13:41
  • @Ludi Interessant! Wofür verwendest Du mäkelig? – hiergiltdiestfu Oct 23 '15 at 13:55
  • @hiergiltdiestfu Im Freundinnen meiner Mutter zu beschreiben, welche die Kunst alles und jedes zu bemäkeln perfektioniert haben. Dabei mag ich sehr von "Standard" abweichen. – Ludi Oct 23 '15 at 13:58
1

Umgangssprachlich „etepetete (sein)“

Adj. etepetete

Etepetete sein ist eine umgangssprachlich verwendete Redewendung, die besonders im nördlichen Teil des deutschen Sprachraumes, vor allem in Berlin, bekannt ist und eine Person beschreibt, die im Standarddeutsch beschrieben eingebildet und geziert erscheint.

Wenn eine Person etepetete ist bzw. sich etepetete benimmt, ist darüber hinaus ein verweichlichtes, verwöhntes, umständliches, überfeines, zimperliches und penibles Verhalten gemeint. Beschrieben wird eine Person, die gerne besonders vornehm wirken will, es aber gar nicht ist.1

Quellen:

1: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Etepetete

  • Den kenne ich natürlich auch. – Medi1Saif Sep 13 '18 at 6:56
0

Die bisher vorgeschlagenen Begriffe wie "pingelig" oder "mäkelig" passen für mein Empfinden nicht gut. Pingelig oder mäkelig wäre es, wenn die betroffene Person besonders hohe Ansprüche an die Qualität einer Speise hätte und bei kleinsten Abweichungen davon in sozial unangenehmer Weise Kritik daran äußerte.

Der beschriebene Fall des Sohnes scheint mir etwas anderes zu sein. Es geht nicht um die Enttäuschung - zwar hochgestochener - Erwartungen an die Qualität eines Produkts (hier: einer Speise), sondern vielmehr hat der Sohn ein Verhalten gesehen, das ihn in irgend einer Weise beeindruckt hat (möglicherweise durch die der Tante in der Folge zuteilgewordene Zuwendung durch andere Familienmitglieder) und das er darum nun repliziert mit der Erwartung eines ähnlichen sozialen Profits für ihn selbst. Dabei nimmt er, wie in der Frage beschrieben, jegliche zufällig sichtbare Eigenschaft (falsch als "Fremdkörper" deklarierte Bestandteile) einer Speise zum Anlass. Das ist nicht pingelig, mäkelig oder etepetete, auch nicht heikel (wie das in der Landkarte erwähnte "hoakl" im Standarddeutschen heißt), denn heikel wäre übervorsichtig.

Der Sohn instrumentalisiert vielmehr die Situation, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Ich habe überlegt, ob man dies

zwanghaft

nennen könnte, aber das trifft nicht recht, denn es ist kaum ein innerer Zwang, der ihn dazu treibt sondern eher eben die Aussicht auf besondere Aufmerksamkeit. Wir kommen damit in die Nähe von

verzogen

oder noch eher vielleicht von

manipulativ

  • 1
    Meinem Verständnis nach geht diese Antwort ein wenig an der Frage vorbei, da konkret nach einer Bezeichnung für das Essverhalten selber gefragt war, nicht für die Kombination aus Essverhalten und Nachahmung desselben. Das heißt, ich gehe davon aus, dass ebenso nach einer Bezeichnung für das Essverhalten der Schwägerin gesucht wurde. – O. R. Mapper Sep 7 '18 at 20:55
  • @O.R.Mapper ja dass ist in erster Linie was gemeint war! Daher finde ich die angegebenen Vorschläge etwas abwägig. – Medi1Saif Sep 13 '18 at 6:55

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.