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Wenn man das Genussystem anschaut, gibt es in den seltensten Fällen eine Kongruenz mit einem biologischen Geschlecht. Es gibt aber eine sehr starke Kongruenz zwischen Genus und bestimmten Wortbildungen, also z. B. Diminutiv, Kollektivbildungen oder substantivierte Verben sind sächlich oder -ung, -heit, -keit sind weiblich. Bei produktiven Bildungen ist es offensichtlich, für untergegangene Bildungen ist es sprachwissenschaftlich häufig noch nachvollziehbar. Es ist also eine Systematik vorhanden, die aber in den seltensten Fällen etwas mit Mann/Frau/Sache zu tun hat. Weiterhin fehlt eine ordentliche Einordnung von substantivierten Partizipien oder Adjektiven, deren Genus erst durch den Artikel/Zusammenhang bestimmt wird.

Hat es schon ernsthafte Vorschläge gegeben, das System in der Grammatiklehre zu reformieren, d. h. beispielsweise abstrakt von "Nomenklasse I-IV" zu sprechen?

Edit: Es geht nicht darum, die Genera in der Sprache abzuschaffen, à la "wir sagen ab jetzt die Mann, die Frau, die Telefon". Es geht darum, ob je darüber nachgedacht oder es vorgeschlagen wurde, die Kategorien maskulin, feminin, neutral aufzugeben.

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    Nach Lesen des Titels („Reform des Genussystems“) hatte ich eine sehr andere Frage erwartet. – chirlu Nov 25 '15 at 14:15
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    Lang lebe die glorreiche Rechschreibreform :) – Kilian Foth Nov 26 '15 at 8:27
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    @HubertSchölnast Nein, nein, die Rechtschreibreform soll hochleben, weil sie endlich den Unterschied zwischen Genusssystemen und Genussystemen erlaubt. – Kilian Foth Nov 27 '15 at 9:13
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    @HubertSchölnast: Ich denke, du missverstehst, dass sich Kilians Kommentar nicht auf die Frage bezieht, sondern auf chirlus Kommentar (in der Interpretation, dass chirlu eine Reform eines Genuss-Systems statt eines Genus-Systems (Getrenntschreibung hier zur Verdeutlichung) erwartet hatte). – O. R. Mapper Nov 27 '15 at 9:57
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    @KilianFoth Der Unterschied zwischen einem Genußsystem und einem Genussystem ist auch in vorreformatorischer Orthographie klar (außer für Schweizer). – Uwe Nov 27 '15 at 13:21
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R, S, E

Tatsächlich wecken die klassischen aus der lateinisch-griechischen Grammatiktradition stammenden Begriffe Maskulinum, Femininum (zusammen Utrum) und Neutrum (wörtlich: ‚keins von beiden‘) und insbesondere ihre Übersetzungen männlich, weiblich und sächlich in der Schulgrammatik eine gewisse Erwartungshaltung an die Genus-Sexus-Kongruenz, die nur partiell eingehalten wird. Außerdem verhält sich der der Plural (abgesehen von der Stammänderung bei vielen Substantiven) bzgl. der Flexion wie eine weitere Nominalklasse, die weitgehend dem Femininum entspricht, so wie Neutrum und Maskulinum einander sehr gleichen. Eisenberg (z.B. in Das Wort) u.a. fassen daher bei der Synkretismusanalyse der Flexion gelegentlich Maskulinum und Neutrum zum Standardgenus (Std.) sowie Femininum und Plural zum Non-/Nichtstandardgenus (Nstd.) zusammen.

Das Genus ist eine Einheitenkategorie der Substantive, aber eine Paradigmenkategorie seiner Begleiter, Verweiser und Ersetzer. Das heißt, jedes Substantiv hat ein Genus, aber man sieht es einen Wortformen normalerweise nicht an – auch den Kasus häufig und den Numerus manchmal nicht. Normalerweise stellt aber mindestens ein kongruenter Begleiter, üblicherweise der erste/linkeste, im Zusammenspiel mit der Position der Phrase im Satz die KNG-Verhältnisse klar.

Darum wäre es nicht unlogisch, die Flexionsmorpheme der Artikel, Adjektive und Pronomen zur Benennung der Genera heranzuziehen. Tatsächlich habe schon von R-, S- und E-Genus oder der-, das- und die-Geschlecht gelesen. Speziell erinnere ich mich an ein DaF-Blog, finde es aber gerade nicht wieder, und weiß nicht, ob diese Bezeichnungen im Deutschunterricht für Fremdsprachler verbreitet(er) sind.

Im Übrigen passt das auch zur Bezeichnung der Kasus Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv als wer-, wen-, wem- und wes-Fälle, die man entsprechend auf R, N, M und S verkürzen könnte.

PS: Da jedes substantivische Derivationsmorphem (z.B. -ung, -ling, -in, -tum, -nis, -er, -keit, -heit, -ei; -and, -ant, -ent, -or, -ör, -öse, -at, -ur, -ium, -ion, -ist, -ismus …) ein fixes Genus trägt und das letzte/rechteste Element stets das Gesamtgeschlecht eines komplexen Wortes bestimmt, ist das Genus vieler „abgeleiteter“ bzw. aller „zusammengesetzter“ Substantive prinzipiell auch ohne Begleiter erkennbar, auch wenn manche auf den ersten Blick gleich aussehen.

  • Ist 'er' in Messer, Toaster, Hammer, Bruder ein substantivisches Derivationsmorphem aber in Mutter, Butter, Schwester nicht? – user unknown Dec 8 '15 at 17:00
  • @userunknown In Mutter und Schwester steckt dasselbe Morphem {-der, -ter} wie in Vater, Bruder, Tochter und wohl auch Vetter. Es ist in vielen indoeuropäischen Sprachen zu finden, aber kein klassisches Derivationsmorphem – die hypothetischen Stämme kommen anderweitig nicht vor. +er ist Morph verschiedener Morpheme, und dient daher nicht nur zur „Agentis“-Substantivierung vor allem von Verbstämmen (mess+ender Mess+er). In Hammer und Butter ist -er offenbar Teil des Stammes, vgl. hämmer+n und butter+n. – Crissov Dec 8 '15 at 20:39
  • Daraus würde ich folgern, dass das Genus nur für Experten bestimmbar ist. – user unknown Dec 9 '15 at 0:39
  • Was soll das Getrolle, @userunknown? Natürlich laufen insbesondere einfache Endungen wie Schwa (-e) und silbische Sonoranten (-er, -el, -en, -em, -es) stets Gefahr, in Derivation und Flexion sowie Stämmen mehrfach verwendet zu werden, was die Analyse erschwert. Sehr viele Ableitungssuffixe sind trotzdem offensichtlich und geschlechtlich eindeutig, außerdem behalten sie ihre Flexion nach Kasus und Numerus stets bei. Nichtsdestotrotz offenbart ein isoliertes Substantiv sein Genus im Allgemeinen nicht – Ableitungen sind speziell. Darum lehrt DAF sie mit eindeutigem Begleiter: der, die, das. – Crissov Dec 9 '15 at 8:31
  • Inwiefern Getrolle? Ich habe nachgefragt, weil eine Aussage von Dir von mir so verstanden wurde, dass sie im Widerspruch zu dem stand, was ich bislang gelernt habe; dass das Genus eines Wortes meist bestimmbar sei. Jetzt hast Du es näher ausgeführt und bestätigst, dass dies im Allgemeinen nicht so ist. Nimm Kritik bitte nicht persönlich. – user unknown Dec 9 '15 at 9:00
1

In dem Buch "Gender" von Greville Corbett wird der Begriff recht grundlegend definiert:

All this means that the determining criterion of gender is agreement; this the way in which the genders are 'reflected in the behavior of associated words' in Hockett's definition given earlier. Saying that a language has three genders implies that there are three classes of nouns which can be distinguished syntactically by the agreements they take.

Dies ist insofern interessant, dass der traditionelle Begriff "Genus" als gleichbedeutend zu einem moderneren, abstrakteren Begriff "Wortklasse" angesehen wird. Zudem wird Genus/Wortklasse nicht über eine bestimmte semantische Funktion definiert, sondern über die schlichte Tatsache, dass in einer Sprache bestimmte Wörter mit Substantiven syntaktisch kongruieren.

Es wäre insofern tatsächlich gerechtfertigt, sich von der Einteilung männlich, weiblich, sächlich zu verabschieden und abstrakt von z. B. Wortklasse I, II und III zu sprechen.

  • Es wäre dann keinem erklärbar, warum in der Grundschule den Kindern beigebracht werden würde, dass "der Mann" nicht mehr männlich ist, sondern Wortklasse I. Es ist nun mal so, dass sich der Genus aller abstrakten Begriffe in das Schema echter Geschlechter einordnet und nicht umgekehrt. – äüö Dec 3 '15 at 16:30
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    Ach, @falkb, was ist denn bitte an dem Löffel männlich und an der Gabel weiblich? Oder, das berühmte Totschlagargument: Dass das Mädchen sächlich ist, will doch niemandem so recht einleuchten. Wenn man die Geschichte der Genera zurückgeht, wie es Belles Lettres getan hat, ist die eigentliche Frage, wieso es nicht der Frau heißt. – Jan Dec 3 '15 at 17:28
  • @falkb: Das Weib ist sächlich, die Sache ist weiblich. :) Es ist nun mal nicht so, wie Du behauptest, sondern umgekehrt. – user unknown Dec 9 '15 at 0:41
  • Ihr reitet auf dem "das" herum, was hier die einzige Ausnahme ist, aber sich ganz trivial ethymologisch erklären lässt, wie z.B. "das Mädchen" von der Verkleinerungsform von "die Magd" abstammt. Nochmal: Das Volk braucht greifbare Begriffe und nicht so etwas wie "Wortklasse I". – äüö Dec 14 '15 at 10:19
  • @falkb: Also bitte. Eine Grammatiklehre, die Unsäglichkeiten wie Partizip II oder Futur II beinhaltet, möge nicht "greifbar" genannt werden. Die m/f/n-Lehre hingegen gibt eine Greifbarkeit vor, die nicht gegeben ist, da die Genus/Sexus-Kongruenz unter 10% liegt. – Veredomon Dec 15 '15 at 11:02
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Wie man an den anderen germanischen Sprachen sehen kann, geht die natürliche Tendenz Richtung völlige Abschaffung des Genus:

  • Englisch: Grammatisches Genus ganz verloren.
  • Niederländisches Niederländisch: Maskulin und feminin bereits weitgehend zu einem einzigen Genus (Utrum) zusammengefasst, das doppelt so häufig ist wie das Neutrum. Das natürliche Genus wie im Englischen setzt sich bei den Personalpronomen immer weiter durch.
  • Flämisch: Noch nicht ganz so weit wie das niederländische Niederländisch. Ob ein Wort grammatisch maskulin oder feminin ist, kann man noch unterscheiden, weil die Personalpronomen noch danach ausgewählt werden.
  • Niederdeutsch und Friesisch: Wie Deutsch, aber mit Tendenz Richtung Utrum.
  • Deutsch, Friesisch und Jiddisch: Drei Genera. Personalpronomen meist noch nach dem grammatischen Genus, manchmal aber schon nach dem natürlichen.

So weit die westgermanischen Sprachen. Bei den nordgermanischen reicht das Spektrum von drei vollen Genera wie im Deutschen bis zu zweien wie im Niederländischen.

Es war also nur natürlich, wenn bei radikalen Vereinfachungsvorschlägen für das Deutsche auch vorgeschlagen wurde, die Genera ähnlich wie im Englischen zu handhaben, d.h. fast ganz abzuschaffen. Online hab ich zu derartigen Versuchen relativ wenig gefunden, aber bei Google Books gibt es z.B. Pasilogie oder Weltsprache von E. Lichtenstein (Breslau 1853). Das ist nicht ganz so radikal. Lichtenstein gibt die folgenden Beispiele: Der Mensch, das Kind, der Schildwache, die Weib, die Mädchen, die Fräulein, der Herrchen, die Weibchen, der Hengst, die Stute, das Stadt, das Platz, das Vogel, das Fisch, das männlich Vogel, das weiblich Vogel.

Textbeispiel von Lichtenstein: "Einst das pfau sprechte zu di henne: seh einmal wi hochmütig und stolz dein han einher tretet! und doch di Mensches sagen nicht: der stolz han, sondern nur immer: das stolz pfau. Dis macht, di henne sagte, weil der mensch überseht ein gegründet stolz. Der han ist stolz auf sein Wachsamkeit, auf sein manheit; aber worauf du? — auf farbes und feders."

Derartige vereinfachte Varianten des Deutschen wurden bis ins 20. Jahrhundert ernsthaft, aber mit nicht allzu großem Echo, als Weltsprache bzw. für den Gebrauch in deutschen Kolonien vorgeschlagen, aber normalerweise nicht als Ersatz für das Deutsche in Deutschland. Siehe auch Wikipedia zu Weltdeutsch und Kolonial-Deutsch.

Im von Emil Schwörer vorgeschlagenen Kolonial-Deutsch von 1916 wird bei Substantiven das Genus gar nicht unterschieden. Der bestimmte Artikel ist im Singular de, im Plural die. Ein Beispiel von Schwörer aus einer hypothetischen Kolonie-Deutsch-Stunde in Afrika: "Das ist de große Kaiser von Dutschland. De Name von de Kaiser ist Wilhelm de Zweite. Er tut wohnen in sehr feine große Stadt in Deutschland. Er hat viele landen, viele Soldaten, viel Geld, aber er hat nur eine Frau, de Kaiserin. Alle Mensch müssen folgen ihm."

  • Wenn die Tendenz natürlich ist, was war dann der Grund erst unnatürliche Formen zu schaffen? An welcher Idee von Natur orientiert sich die Behauptung? Die Natur als wilde, unberechenbare Gefahr für den Menschen? Das Natürliche als das Angeborene? Natur im Ggs. zu Kultur? Natur als Sphäre, die die Naturwissenschaften behandeln? – user unknown Nov 27 '15 at 3:32
  • 1
    Ich fürchte, dies ist eine Antwort auf die Frage, die ich nach dem (unglücklich formulierten) Titel erwartet hatte, aber nicht auf die tatsächlich gestellte. Ich verstehe die so, daß es nicht um eine Änderung der Sprache, sondern der Beschreibung von Sprache geht; also Grammatikterminologie. – chirlu Nov 27 '15 at 7:44
  • @userunknown: Genussysteme werden genauso wie andere grammatische Systeme nicht geplant, sondern ergeben sich auf natürliche Weise aus dem Sprachwandel. Und auf genauso natürliche Weise verschwinden sie halt wieder. Mit natürlich meine ich so etwas wie den Prozess, mit dem z.B. im Französischen gerade aus den Personalpronomen neue Personalkonjugationen am Anfang der Verben entstehen, während die am Ende allmählich ununterscheidbar werden (je mange wird zu j'mange, tu manges wird zu t'mange, il mange wird zu l'mange), und wie neue Personalpronomen aufkommen (moi, toi, lui). – Hans Adler Nov 27 '15 at 8:14
  • 1
    Die tatsächlich gestellte Frage lautete: „Hat es schon ernsthafte Vorschläge gegeben, das System in der Grammatiklehre zu reformieren, d. h. beispielsweise abstrakt von "Nomenklasse I-IV" zu sprechen?“ Wenn du eine interessante Antwort auf eine andere Frage hast, kannst du die selbst stellen und anschließend beantworten. Dann bekommst du ggf. auch eine positive Stimme von mir statt einer Thema-verfehlt-negativen. – chirlu Nov 27 '15 at 9:55
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    Ich bin hier nicht als irgend jemandes Dienstbote, und auch nicht um Punkte zu sammeln. Das hier ist eine Sammlung von Fragen mit Antworten. Die Frage steht in der Überschrift und wird dann etwas genauer ausgeführt. Wenn jemand in Überschrift und erstem Absatz eine Frage stellt und dann im letzten Absatz plötzlich das Thema wechselt, ist das nicht mein Problem sondern das des Fragestellers, der sich nicht richtig ausdrücken kann. Ein Genussystem 'reformiert' man nicht, indem man es umbenennt. Und Änderungen der wissenschaftlichen Nomenklatur werden auch nur selten 'Reformen' genannt. – Hans Adler Nov 27 '15 at 10:12
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Hans Adler hat in seiner Antwort bereits ausführlich beschrieben, welche Versuche es in dieser Richtung in der Vergangenheit gab. Ich möchte hier nur ergänzen, dass sich keiner dieser Versuche in der Praxis durchsetzen konnte, und dass dieses Schicksal unausweichlich auch allen zukünftigen derartigen Reformversuchen blühen wird.

Deutsch wird von knapp 100 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen. Jeder Versuch, per Reform etwas am Genus-System der deutschen Sprache zu ändern würde bedeuten, dass 100 Millionen Menschen ihre eigene Muttersprache neu lernen müssten. Versuche, »das Weib« und »das Mädchen« durch »die Weib« und »die Mädchen« zu ersetzen, sind zum Scheitern verdammt solange Kinder ihre Muttersprache von Eltern, Großeltern, Freunden usw. lernen, die selbst ihre Sprache von deren Vorfahren, Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen gelernt haben.

Kein Mensch lernt seine Muttersprache in einer Schule oder von einer anderen Institution, die vorgeben könnte, welche Substantive welches Geschlecht zu haben haben. In der Schule lernt man »nur« einen theoretischen Unterbau (die Regeln der Grammatik), der zur tatsächlichen Benutzung der gesprochenen Sprache im Alltag nicht notwendig ist. Die eigene Muttersprache sprechen kann jeder Mensch schon vor seinem ersten Schultag, also bevor man auch nur den geringsten Kontakt mit Grammatik-Regeln hatte. (Die wenigen Menschen, die aufgrund einer Erkrankung nicht dazu in der Lage sind, im Kindesalter eine Sprache zu erlernen, sollen hier nicht das Thema sein.)

Man lernt in der Schule auch, die gesprochene Sprache in Form von Schrift festzuhalten, wozu Regeln gelernt werden müssen, die eine genormte Abbildung von Sprache zu Schrift ermöglichen, um später wieder auf eine möglichst genormte Weise aus der Schrift das gesprochene Wort rekonstruieren zu können.

Aber diese Verschriftlichung ist der ursprünglichen Funktion der Sprache untergeordnet. Daher ist es relativ einfach, per Reform diese Rechtschreibregeln zu vereinheitlichen (1876) oder zu verändern (1901, 1996), wobei auch jede dieser drei Reformen bekanntermaßen großen Widerstand in der Bevölkerung hervorgerufen hat.

Eine Reform am eigentlichen Kern der Sprache, also nicht an den Regeln zur Verschriftlichung, sondern an jenem Teil der Sprache, der sich im gesprochenen Wort widerspiegelt, ist unmöglich per Erlass oder sonstige Einflussnahme eines Gremiums durchführbar. Und das schon gar nicht bei einem Bestandteil der Sprache, der eine grundlegende Eigenschaft einer der wichtigsten Wortarten betrifft.

Fazit:

Probiert wird es hie und da, aber diese Versuche finden im Elfenbeinturm, fern von jeder Realität, statt und werden von der breiten Bevölkerung völlig ignoriert. Und jede Behörde oder Institution, die theoretisch in der Lage wäre, solche Reformvorschläge zu verbreiten, wird sich tunlichst hüten, das zu tun, weil sie sich damit sofort und unweigerlich den Zorn der Bevölkerung ob der als unbotmäßig empfundenen Bevormundung zuziehen würde.

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    Wie schon Hans’ Antwort geht auch diese an der Frage vorbei. – Jan Nov 27 '15 at 9:57

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