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Die Bezeichnung scharfes s für das Eszett orientiert sich anscheinend (und auch hiernach) an dessen Aussprache: ß wird immer stimmlos ausgesprochen, wogegen das normale s sowohl stimmlos als auch stimmhaft sein kann – zumindest in norddeutscher Aussprache. In süddeutscher Aussprache sind hingegen alle s-Laute stimmlos bzw. scharf (siehe z. B. Wikipedia über die österreichische Aussprache).

Interessanterweise ist die Bezeichnung scharfes s vor allem im süddeutschen Sprachraum verbreitet (siehe z. B. den Atlas der deutschen Alltagssprache).

Wie kam es zu dieser scheinbar gegenläufigen Verteilung von Aussprache und Terminologie?

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    Die Opposition ist ja nicht unbedingt aufgehoben; auch ein [s​ˑ] etwa könnte durchaus als scharf wahrgenommen werden, oder zumindest als schärfer im Vergleich zu einem [s]. – Zweiter Ansatz: Gerade in Gegenden, wo die Opposition von [d] und [t] nicht mehr besteht, wird Schülern beigebracht, zwischen einem „harten d“ (Schreibung t) und einem „weichen d“ (Schreibung d) zu unterscheiden. – chirlu Nov 30 '15 at 13:55
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    Interessant finde ich in dem Zusammenhang, dass das »Gegenstück« zum scharfen S nicht das »weiche« oder »stumpfe« S sondern das »normale S« ist. – Jan Nov 30 '15 at 14:33
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    Spannende Frage! Als Schwabe in Berlin habe ich beim Diktieren von "scharfes s" so viele Rückfragen bekommen, dass ich inzwischen auch Eszett sage. – Iris Nov 30 '15 at 15:00
  • @Jan: Womit wir bei den didaktischen Nachteilen der Bezeichnung scharfes s wären … – Wrzlprmft Dec 1 '15 at 9:23
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    Zusätzliche Anmerkung: Ich bin kein Experte für Österreichisch, aber im Bairischen gibt es sehr wohl ein stimmhaftes s (z.B. "Wiesn") - auch wenn es zugegebenermaßen nicht so häufig auftritt. Im Fränkischen ist das stimmhafte s schon deutlich häufiger, aber auch in den Gegenden ist die Bezeichnung "scharfes s" geläufig. – hoffmale Dec 18 '15 at 9:22
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Ein paar Mutmassungen:

  1. Die deutschen Fortis- und Lenis-Laute wurden traditionell – mindestens bis ins frühe 20. Jahrhundert und in der Dialektologie noch bedeutend länger – als scharfe (bzw. harte) und weiche (bzw. sanfte oder gelinde) Laute bezeichnet. Heute werden sie hingegen eher als stimmlose und stimmhafte Laute bezeichnet. Zum einen dürfte dies damit zu tun haben, dass sie von Siebs so beschrieben worden sind, zum anderen damit, dass sich inzwischen die IPA-Lautschrift durchgesetzt hat, wo sie nach französischem Vorbild als stimmlose und stimmhafte Laute definiert sind.

    Die Bezeichnungen stimmlos und stimmhaft sind jedoch fürs Deutsche eher ungeeignet. In der norddeutschen Aussprache, die mit der Dominanz Preussens vorbildlich geworden ist und die Siebs zum Vorbild genommen hat, sind die Lenis-Laute zwar oft stimmhaft. Sie sind es aber nicht immer. Stimmhaftigkeit ist zwar eine hinreichende Bedingung für Lenis-Laute, aber nicht eine notwendige, denn sie können auch im Norddeutschen stimmlos auftreten – insbesondere nach anderen stimmlosen Lauten, wie beispielsweise beim s im Wort Absicht. Dementsprechend ist die Stimmlosigkeit weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für einen Fortis-Laut. Ausserhalb des Norddeutschen sind die Lenis-Laute sowieso stimmlos. Trotzdem unterscheiden sie sich von den Fortis-Lauten.

    Ausserhalb des Norddeutschen trifft es also zu, dass «alle s-Laute stimmlos» sind. Die Behauptung, ausserhalb des Norddeutschen wären alle s-Laute scharf, ist aber völlig falsch. Nur die scharfen s-Laute sind scharf. Sie unterscheiden sich von den weichen s-Lauten, die nicht scharf sind, sondern weich. Innerhalb des Norddeutschen sind die weichen s-Laute oft stimmhaft, aber nicht immer.

    Also ist die Bezeichnung scharfes s für den Laut /s/ sowohl traditioneller als auch zutreffender denn die Bezeichnung stimmloses s. Es ist naheliegend, die traditionelle Bezeichnung scharfes s auf den Buchstaben ⟨ß⟩ zu übertragen, denn er entspricht immer dem scharfen s-Laut /s/.

  2. Vermutlich ist die Bezeichnung Eszett die ältere. In der Fraktur, aus der das Zeichen stammt, fügt sich das Zeichen bekanntlich in eine Reihe von nicht-trennbaren Ligaturen: ch, ck, ſt, tz und eben auch ſz. In der nationalistischen Aufbruchstimmung nach der Erschaffung des preussisch-deutschen Kaiserreichs wurde eine (nach heutigen Massstäben äusserst radikale) Reform der deutschen Rechtschreibung in Angriff genommen. Im Rahmen dieser Reform wurde die Fraktur-Ligatur ſz als ß in die Antiqua übertragen. Vorher gab es in der Antiqua kein ß, und man schrieb einfach ss (oder allenfalls ſs). Das ſz existierte nur in der Fraktur.

    Der Name Es-Zett für das ſz der Fraktur ist naheliegend – genauso wie der Name Te-Zett für das tz oder der Name Ce-Ha für das ch.

  3. Laut Bezeichnung “ß” « atlas-alltagssprache decken sich die Gebiete, wo die Bezeichnungen Eszett oder scharfes S verwendet werden, relativ gut mit den Ländergrenzen. Ausgenommen ist nur Nordrhein-Westfalen, wo beide Bezeichnungen vorkommen. Dies legt die Vermutung nahe, dass die jeweils verwendeten Lehrmittel eine Rolle spielen.

    Sehr spekulativ: Vielleicht wurde bei der Einführung des neuen Buchstabens ß die neue Bezeichnung scharfes S überall eingeführt ausser in Preussen? Das Eszett-Gebiet deckt sich einigermassen mit den früheren Ausmassen Preussens.

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