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In den letzten Wochen fällt mir immer öfter auf, dass in Sätzen, in denen früher »man braucht« gesagt wurde, seit neuestem »es braucht« verwendet wird.

früher: »Wenn das so ist, dann braucht man keine Regierung mehr.
heute: »Wenn das so ist, dann braucht es keine Regierung mehr.

(Soeben in einer Nachrichtensendung im österreichischen Fernsehen gehört.)

Andere Beispiele:

früher: Braucht man die EU noch?
heute: Braucht es die EU noch?

früher: Hier, in dieser Region, bräuchte man dringend mehr Regen.
heute: Hier, in dieser Region, bräuchte es dringend mehr Regen.

Mir ist dieses »es braucht« bisher nur im schweizerischen Deutsch aufgefallen. Anscheinend breitet es sich auch in Österreich aus.

Wie ist die Situation in anderen Regionen?
Wie ist dieses »es« grammatisch zu bewerten? (Generell in solchen Sätzen, und speziell auch im Vergleich mit dem »man«.)

  • 3
    In meinem Dialekt (Südwestdeutschland) ist "Es braucht etwas..." vollkommen gängig - "seit immer". Der Duden führt ein Beispiel (Es braucht nur einen Wink... bzw. sogar ...es braucht keines Beweises...) auf, ohne es auf eine Region zu beschränken. Bedenke, dass "man" immer auf eine Person anspielt - "Es braucht Regen" eben nicht. – tofro Jan 25 '17 at 22:58
  • Ich kenne diese Formulierung auch "schon immer", obwohl ich sie bewusst keinem Dialekt zuordnen kann. Es ist definitiv keine neuere Entwicklung. – dirkt Jan 26 '17 at 7:51
  • 1
    Meiner Meinung nach ist das i.W. süddeutscher Dialekt, und damit auch in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz gebräuchlich. Der Unterschied für mich liegt immer darin, dass "man braucht" eine Menge von Menschen impliziert (die Umkehrung ist dann "niemand braucht"), während "es braucht" die reine Notwendigkeit ausdrückt (die Umkehrung ist dann "ist nicht nötig"). – TvF Jan 26 '17 at 11:57
  • 1
    @TvF: Nein, das ist eben, zumindest bisher, in Österreich nicht gängig. Ich habe mit "es braucht" bisher nur schweizerisches Deutsch (sowohl Dialekt als auch Hochdeutsch) in Verbindung gebracht, höre das nun aber immer wieder in den Nachrichtensendungen des ORF. Im täglichen Gespräch ist mir das weder in Wien noch in St. Pölten untergekommen. – Hubert Schölnast Jan 26 '17 at 15:06
  • @dirkt: Kannst du deine Information noch um die Angabe einer Region ergänzen? Obwohl du nun schon fast 3 Jahre hier bist, ist dein Profil leider noch immer völlig jungfräulich, und auch sonst gibst du mir keine Informationen wo genau man diese Formulierung "schon immer" kennt. – Hubert Schölnast Jan 26 '17 at 15:10
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Im geschriebenen Deutsch würde ich immer eher eine Formulierung im Passiv erwarten, die ohne Pronomen auskommt:

  • Wenn das so ist, wird keine Regierung mehr gebraucht. (benötigt)
  • Wird die EU noch gebraucht? (benötigt)
  • In dieser Region wird dringend mehr Regen gebraucht. (benötigt)

Mit dem etwas „feineren“ benötigen statt brauchen, welches außerdem nicht die missverständliche Nebenbedeutung ‚verwenden‘ aufweist, ist nur man, aber nicht es möglich:

  • Wenn das so ist, benötigt man keine Regierung mehr. (benötigt *es)
  • Benötigt man die EU noch? (benötigt *es)
  • In dieser Region benötigt man dringend mehr Regen. (benötigt *es)

Dieses be-Verb kann wiederum durch nötig oder notwendig sein ersetzt werden.

  • Wenn das so ist, ist keine Regierung mehr nötig. (notwendig)
  • Ist die EU noch nötig? (notwendig)
  • In dieser Region ist dringend mehr Regen nötig. (notwendig)

Umgangssprachlich würde ich im Norden des Sprachraums eher man erwarten, aber ein passendes (Personal-)Pronomen wirkt noch natürlicher:

  • Wenn das so ist, braucht ihr keine Regierung mehr. („brauchta“; brauchst du, „brauchste“)
  • Brauchen wir die EU noch? („brauchwa“)
  • Hier, in dieser Region, brauchen sie dringend mehr Regen. (brauchen die, „brauchense“)

Noch eine Ebene flapsiger wäre not tun:

  • Wenn das so ist, tut keine Regierung mehr not.
  • Tut die EU noch not?
  • Hier, in dieser Region, tut dringend mehr Regen not.

Es gibt allerdings Verben (und Phrasen), bei denen es ein noch stärkerer Marker für „Süddeutsch“ ist als bei brauchen. Man kann es allerdings nicht immer durch man ersetzen, sondern muss ggf. ein anderes Verb wählen.

  • Hier, in dieser Region, hat es nicht genug Regen. (?hat mangibt es, haben sie)

Subjektives Fazit: braucht es oder braucht’s fällt im direkten Vergleich als süddeutsch auf und wird kaum aktiv verwendet, wirkt aber im niederdeutschen Sprachraum nicht (mehr) so unnatürlich, dass man drüber stolpern würde.

  • 2
    Es gibt auch noch: ...bedarf es keiner.... – Carsten S Jan 26 '17 at 23:26
  • Warum sollte ein "benötigt es" nicht möglich sein? In meinen Augen wäre es sogar die formalere Form. – Kami Kaze Apr 4 '17 at 7:29
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Als jemand aus dem (Süd-) Westen Bayerns, kurz vor der Sprachgrenze zum Schwäbischen, kommt mir es braucht überhaupt nicht seltsam vor. Ich bin allerdings auch noch relativ jung, kann also nicht sagen, inwiefern es sich um eine neuartige Entwicklung handelt.

In einem Kommentar hat TvF schön den Unterschied zwischen »es braucht« und »man braucht« herausgearbeitet. Beides lässt sich umkehren, wobei aus »man braucht« ein »niemand braucht« würde, während »es braucht« zu »ist nicht nötig« wird. Das man in »man braucht« impliziert also stets, dass es um Menschen geht, während es auch ein rein abstraktes benötigen bedeuten kann.

Ich denke, dass es sich bei es um einen »grammatikalischen Expletiv« handelt. Ich muss kurz ausschweifen, um zu erklären, was ich damit meine. In beiden folgenden Sätzen haben wir es mit einem vergleichbaren es zu tun, das in keiner Weise Urheber der dargestellten Handlungen ist.

Es wird heute gefeiert.

Es regnet heute.

Weder ist es das abstrakte Wetter, das den Regen bringt, noch tut es irgendetwas zur Feier dazu. Die beiden es sind also Expletiva; sie erfüllen rein grammatisch-syntaktische Funktionen. Sie sind aber unterschiedlich, was man an der Umstellung der Sätze sieht:

Heute wird gefeiert.

Heute regnet es.

Zieht man das heute im subjektlosen Passiv ins Vorfeld, verschwindet das es. Seine einzige Aufgabe besteht darin, das Vorfeld in Ermangelung eines Subjekts zu besetzen. Das würde ich »syntaktischen Expletiv« nennen. Im Gegensatz dazu ist das es in »Heute regnet es« nicht entfallen; es dient in diesem Satz als Subjekt, auch wenn es dort ein reiner Platzhalter ist. Weil es grammatikalisch (und nicht rein syntaktisch) notwendig ist, möchte ich es »grammatikalischen Expletiv« nennen.

Das es in »es braucht« ist, wie man anhand deiner Beispiele sehen kann, grammatikalisch notwendig; es bleibt auch erhalten, wenn es nicht im Vorfeld steht.

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"Es braucht" war vor 20 Jahren in Österreich völlig ungebräuchlich, hat sich seither aber epidemieartig ausgebreitet. Meine Theorie ist, dass MAN im Zuge der Suche nach einer "geschlechtsneutralen" Alternative für das ach so maskuline "man" in den alemannischen Dialektraum geschielt hat, wo "es braucht" in seiner Verwandtschaft mit dem französischen "il faut" durchaus plausibel ist. Also: ein mainstream-gender-affiner Import aus Westgermanistan!

  • 2
    Gewagte Theorie ... Gegenbeispiel wäre z. B. dass "braucht's des" von Gerhard Polt spätestens in den 90ern in einer seiner Nummern verwendet wurde, in der er als konservativer Redner auftritt (wenn ich mich recht erinnere). Mit Gender-Sensibilität hat es ziemlich sicher rein gar nix zu tun. – Mac Jul 18 '18 at 10:55

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