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Warum ist tief nicht tiefe?

Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt. . . Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat.

Das kommt aus dem Vorsatz von "Der Zauberberg" von Thomas Mann


Es scheint, T. Mann verwendet undekliniert wörter mit ähnlichen Platzierung oft:

A:

er saß bei niedergelassenem Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den Kragen seines modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers aufgeschlagen.

Und:

B:

Es ist eine Schmalspurbahn, die man nach längerem Herumstehen in windiger und wenig reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick, wo die kleine, aber offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine sich in Bewegung setzt, beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil der Fahrt, ein jäher und zäher Aufstieg, der nicht enden zu wollen scheint.

B könnte ein adverb sein aber für A ich bin nicht sicher...

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Der Satz ist schon ziemlich tricky...

tief beschreibt zerklüftende näher (das Partizip I von "zerklüften"), das seinerseits ein Attribut von "Wende und Grenze" ist.

Im Englischen würde das etwa so etwas wie

deeply life and conciousness-indenting turn and boundary

heissen.

tief hat in diesem Satz keine Verbindung zu irgendeinem Substantiv, kann also nicht zusammen mit einem gebeugt werden.

  • Es ist verwirrend, nein? Ich denke, «zerklüftenden» sollte «zerklüftende» sein – user5389726598465 Jul 3 '17 at 21:53
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    Nein. "...sie vor einer Wende und Grenze spielt" ist Dativ, "zerklüftende", dass ein Attribut davon ist, muss dem folgen, und wird zu zerklüftenden flektiert. – tofro Jul 3 '17 at 22:04
  • .. Und zwar weil es hier schwach gebeugt ist, weil es einer folgt. Wenn es stark gebeugt wäre (also der folgen würde) hieße es ebenfalls zerklüftenden, aber wenn es gemischt gebeugt wäre, davor also kein Artikel o.ä. stünde, müsste es zerklüftender heißen. – sgf Jul 3 '17 at 22:08
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    @sgf Danke, ich verstehe jetzt. Kleine Korrektur: swache=der stark=kein artikel gemischt=ein – user5389726598465 Jul 3 '17 at 22:29
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    @user135711 Danke! Ich war mir bei der Terminologie so sicher, dass ich mir nicht mal die Mühe gemacht habe, sie zu überprüfen... – sgf Jul 3 '17 at 22:30
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Tofro hat in seiner Antwort schon erklärt, dass »tief« keine Eigenschaft eines Substantiv angibt, sondern eine Eigenschaft eines Adjektivs:

Frage: Wie (auf welche Weise) sind Wende und Grenze zerklüftet?
Antwort: Sie sind tief zerklüftet.

Ein Wort, dass die grammatische Funktion erfüllt, bei welche die Eigenschaften von Adjektiven oder Verben angeben wird, heißt »Adverbial«.

Von dieser grammatische Funktion ist die Wortart »Adverb« zu unterscheiden. (Wörter wie »vielleicht« oder »heute« sind Adverbien. Aber »tief« ist ein Adjektiv, das, wie fast alle Adjektive, auch die grammatische Funktion eines Adverbials haben kann.)

Eine ausführliche Diskussion der Begriffe Adjektiv, Adverb und Adverbial findet man in der Frage »Sind adverbielle Adjektive Adjektive oder Adverbien?«

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Ich drücke den Satz etwas anders aus; das sollte es klarer machen:

Die Geschichte spielt vor einer gewissen Wende und Grenze, die das Leben und Bewußtsein tief zerklüftet.

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