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Wieder regt mich das Buch Denksport Deutsch von Daniel Scholten zu einer Frage an. In einem sehr ausführlichen und interessanten Kapitel seines Buches widmet er sich dem Konjunktiv. Er stellt darin sehr gewagte, aber durchaus plausible und nachvollziehbare Thesen auf, die der traditionellen Grammatik ganz grundlegend widersprechen. Und solange es sich um Grammatik im Sinn von »Analysieren von bereits produzierter Sprache, und Benennen der Bestandteile und ihrer Beziehungen untereinander« geht, bin ich durchaus geneigt, seinen Thesen ein Stück weit zu folgen, ganz einfach, weil sie, zumindest in den angeführten Beispielen, mehr Sinn ergeben als die herkömmliche Grammatik. (Zum Verifizieren mit Hilfe von Texten aus dem wirklichen Leben bin ich noch nicht gekommen.)

Aber wenn Scholten dann hergeht, und aus seinen Thesen ableitet, dass gewisse Formulierungen, die durchaus gängig sind, falsch wären, und sie durch andere Formulierungen ersetzt haben will, dann fällt es mir schwer, auch diesen Schritt zu gehen.

Als Beispiel greift Scholten diesen Satz heraus:

  1. Der Kommissar sah aus, als ob er ein Nickerchen vertragen könnte.
    (Seite 239)

Scholten behauptet, dieser Satz sei falsch. Richtig sei stattdessen dieser Satz:

  1. Der Kommissar sah ganz danach aus, dass er ein Nickerchen vertragen konnte.
    (Seite 240)

Die wesentlichen Unterschiede:

  • »als ob« → »dass«
  • »könnte« (Konjunktiv II, oder »Irrealis« in Scholtens Diktion) → »konnte« (Indikativ)

Laut Scholten drückt die Konstruktion », als (ob) + Konjuktiv II« einen Vergleich mit etwas aus, dass nicht der Fall (also irreal) ist. Ein korrektes Beispiel ist laut Scholten:

  1. Der Kommissar benahm sich mal wieder, als wäre jeder verdächtig.
    (Seite 238)

In Wahrheit ist nicht jeder verdächtig, daher beschreibt der Relativsatz etwas Irreales, und das Verhalten des Kommissars wird mit dieser irrealen Situation verglichen.

Im Satz (1) beschreibt der Relativsatz aber einen tatsächlich vorliegenden Zustand, also keineswegs etwas Irreales. Und das sei der Grund, die Verwendung des Konjunktiv II hier als falsch anzusehen. Weiters liege kein Vergleich vor, sondern es werde etwas inhaltliches ausgesagt. Daher müsse man einen »Inhaltssatz« verwenden, und Inhaltssätze werden - im Gegensatz zu Vergleichssätzen - nicht mit »als (ob)« eingeleitet, sondern mit »dass«.

Mein persönliches Sprachgefühl steht hier im Widerspruch zu Scholtens Behauptungen. Ich halte den Satz (1) (etwas sieht aus, also ob etwas wäre) für völlig korrekt, aber Satz (2) (etwas sieht aus, dass etwas ist) erscheint mir falsch.

Meine Fragen:

  1. Wer hat recht? Scholten oder ich?
  2. Ich kann nur aus einem Gefühl heraus annehmen, dass (1) richtig und (2) falsch ist, kann das aber nicht durch handfeste Grammatikregeln untermauern. Gibt es Regeln, die meinem Empfinden entsprechen?
  • Bei mir ist es umgekehrt, Satz 2 scheint mir richtig und bei Satz 1 fehlt mir ein nur so, wie in Er sah nur so aus, als ob ... Doch mit nur so wäre der Satz dann definitiv irreal. – Björn Friedrich Jul 30 '17 at 6:34
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Ich kenne die offizielle Grammatikregel dazu nicht, aber der Konjunktiv drückt nicht nur frei erfundene Dinge aus, sondern auch ungewisse.

Wenn Scholten also ausdrücken will, dass der Kommissar sooo müde aussah, dass man es gar nicht anders interpretieren könnte, finde ich das Konstrukt „sieht aus, dass“ angemessen, wenn auch ungewöhnlich. Aber ich könnte mich gut dran gewöhnen.

Wenn es jedoch Spielraum ob der Müdigkeit des Kommissars gibt, finde ich „sieht aus, als ob“ angemessen.

Die ähnlich aussehende Formulierung „Es sieht so aus, dass er nicht mehr kommt“ (wenn jemand zu einem Termin nicht erscheint) kommt mir geläufig vor und könnte bei der Konstruktion von Satz (2) beteiligt gewesen sein.

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