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Wenn man sich manch einen Text aus dem 19 oder 18 Jh. anschaut, stellt man bald fest, dass die Anzahl der Genitivformen überdurchschnittlich hoch ist oder bestimmt häufiger als heute der Fall ist. Aus meiner Erfahrung heraus lassen sich zwei grundlegende Tendenzen erkennen:

1) In der früheren Sprache wurden viel mehr Verben mit dem Genitiv verwendet, etwa sich erinnern/Wikipedia/, vergessen/laut Wikipedia "mit Akkusativ, früher und gehoben auch heute noch mit Genitiv"/, brauchen/Hier z.B. wird solche These vertreten/ usw.

2) In der heutigen Sprache verwendet man den Genitiv vornehmlich in der gehobenen Sprache und bei Verben, die gleichsam auf einem absteigenden Ast sind, was ihre Häufigkeit angeht. Beispiele hierfür finden sich in Fülle: sich befleißigen sich entäußern sich bemächtigen usw./ DWDS zeigt dies am Beispiel von bemächtigen sehr deutlich

Deswegen meine Frage: Wurde in der Vergangenheit der Genitiv nur von der hohen Schicht, sprich, der Obrigkeit, den Dichtern usw. verwendet oder war er den anderen Fällen gleichgestellt und ist aus verschiedenen Gründen im Laufe der Zeit allmählich in den Hintergrund getreten?

Anmerkung: Die von mir beschriebenen Tendenzen stehen meines Erachtens nicht zur Debatte, da man sich deren Wahrheitsgehalt ohne weiteres vergewissern kann, indem man zwei Texte aus der Vergangenheit und der Gegenwart miteinander vergleicht oder schlicht die Entwicklung bestimmter Wörter verfolgt.

closed as primarily opinion-based by Björn Friedrich, tofro, LangLangC, Stephie, clemens Dec 22 '17 at 15:39

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    Ist (1) und (2) nur eine Annahme von dir oder hast du dazu z.B. statistische Belege? – tofro Dec 20 '17 at 19:10
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    Früher wurden auch mehr Krawatten getragen. Besteht da ein Zusammenhang? – tofro Dec 20 '17 at 19:14
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    Die Frage wimmelt vor Behauptungen und Fehlannahmen, dass ich gar nicht weiß, wie ich sie beantworten sollte. Ich mag ja insbesondere Texte aus dem 19. Jahrhundert, aber solch eine Feststellung habe ich noch nicht gemacht. Gibt es Quellen zu jemand habe dessen vergessen oder jemand brauche einer Sache? Welche Verben sind denn "auf einem absteigenden Ast" und werden mit dem Genitiv gebraucht? Und was ist überhaupt gehobene Sprache? Und gab es hier nicht schon Diskussionen darüber, dass der Dativ nicht unbedingt des Genitivs Tod ist, da es auch Fälle, wo das umgekehrte gilt? – Björn Friedrich Dec 20 '17 at 19:27
  • @BjörnFriedrich Es kann durchaus sein, dass es auch den umgekehrten Fall gibt, allerdings ist das eher die Ausnahme als die Regel. – Dreikäsehoch Dec 20 '17 at 19:52
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    Natürlich steht der Wahrheitsgehalt Deiner Prämissen zur Debatte. Zwei Texte reichen sicher nicht aus, um so eine Behauptung zu überprüfen. Du kannst ja mal einen Text vorlegen mit X Genitiven auf 1000 Wörtern und wir legen dann einen vor mit Y>X Genitiven, der jüngeren Datums ist. – user unknown Dec 21 '17 at 18:33
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Die Beobachtung ist richtig. Forschungsstand ist, dass diese - adverbale - Genitivverwendung, wie sie in der Frage beschrieben ist, tatsächlich sogar bereits seit ihrer Hochzeit im Mittelhochdeutschen, spätestens seit dem Frühneuhochdeutschen drastisch zurückgegangen ist (sog. Genitivschwund). Das gilt übrigens nicht für andere Verwendungsarten des Genitivs, deren Häufigkeit teilweise gar zugenommen hat.

Wir wissen auch ganz gut, was mit dem adverbalen Genitiv passiert ist: Er ist meist nicht einfach einem anderen Kasus gewichen. Vielmehr kam es zu sog. Valenzwechseln, also etwa - wie im Beispiel der Frage: sich einer Sache erinnern -> sich an eine Sache erinnern.

Zur Ursache: Es gibt hierzu eine Vielzahl von Theorien. Ein wichtiger Faktor dürfte aber - insofern ist die vom Fragesteller aufgeworfene These nicht ganz falsch - darin bestanden haben, dass sich im Zeitverlauf auch die Textsorten geändert haben. Rechts- und gelehrte theologische Texte waren immer schon Tummelplätze für den Objektgenitiv (auch heute noch); dagegen lässt sich für eher volksnahe Texte schon sehr früh nachweisen, dass hier wie in der gesprochenen Sprache eher Konstruktionen mit Akkusativ-/Präpositionalobjekten vorgeherrscht haben. Wenn sich nun also, was der Fall war, die Schriftlichkeit gewissermaßen "geöffnet" hat, dann könnte dies zur Erklärung beitragen.

Zu den (umstrittenen) Einzelheiten gibt es umfangreiche sprachhistorische Literatur; ein paar Stichworte für die weitere Recherche sollten nun ja gegeben sein.


Nachtrag. Siehe zum Beispiel überblicksartig: Ágel [2000], Syntax des Neuhochdeutschen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (PDF), auf S. 1870-1871, mit zahlreichen Literaturverweisen.

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    Man merkt, daß Sie sich auskennen! Aber sind dies nicht zwei verschiedene Fragen (die nach dem Genitivschwund einerseits und die nach den Sprachregistern im Ahd., Mhd. andererseits)? Was man bräuchte wären Beispiele früher Alltagssprache, nicht wahr? Kann man solche finden? – Ludi Dec 22 '17 at 22:47
  • Vielleicht in diesem Zusammenhang als Marginalie: Wer mit Leuten aus Russland (oder anderen ostslawischsprachigen Gegenden) Kontakt hat, wird feststellen, dass in deren Äußerungen - auch auf Deutsch - der Genitiv auffällig häufig vorkommt. Bis hin zu Ortsbezeichnungen: "Der Platz des Markus", wo gängiges Deutsch vom "Markusplatz" spräche. Klar, das ist eine direkte Übertragung aus dem (z.B.) Russischen. Zeigt aber auch, dass der Genitiv in den ostslawischen Sprachen offenbar auch in der Alltagssprache sich gut behauptet... anders als im Deutschen. – Christian Geiselmann Dec 23 '17 at 9:55

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