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Im Buch „Der Boxer“ von Szczepan Twardoch kommt hin und wieder das Wort Urke vor. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet und finde auch keine Referenzen online dazu.

Der Roman (Übersetzung aus dem Polnischen) spielt in Polen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend in der jüdischen Gemeinde.

Hier ist ein Zitat, in welchem das Wort vorkommt:

Der Pate […] sah ihn beim Training, sprach ihn an und erkannte sofort den Straßenjungen in ihm, den Urke.

(Das steht genau so im Roman. Es fehlt kein n.)

Ich habe nach Orten gesucht, von denen sich Urke ableiten könnte, aber nichts gefunden. Eventuell handelt es sich um einen jiddischen oder polnischen Begriff. Was bedeutet Urke?

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    Altes Küchenlatein "urca" - auftauchen, aufsteigen? Litauisch "žiurkė" = Ratte, das ungefähr wie unser "Schurke" ausgesprochen wird und möglicherweise auch dessen Herkunft ist? – tofro Mar 7 '18 at 22:49
  • @tofro DWB: "schurke , m. nichtswürdiger mensch. im hochd. seit dem 16. jahrh. bezeugt, doch findet sich schon ahd. virscurgo furcifer [...], welches offenbar eine nominalbildung zu ferscurgan, repellere, ist [...]. zusammenhang beider wörter ist nicht wol zu bezweifeln; auffallend bleibt dabei weniger das vollständige fehlen von zeugnissen aus der mhd. zeit, als die durchgängige verhärtung des g zu k. [...]. im nhd. ist schurke in der schriftsprache sehr gewöhnlich, scheint dagegen in den mundarten nicht beliebt zu sein." - Die litauische Ratte finde ich also nach wie vor erforschenswert. – Christian Geiselmann Mar 8 '18 at 11:08
  • Versuch die Recherche mal unter der Annahme, dass es sich um einen Begriff aus dem Rotwelschen, nicht dem Jiddischen handelt... : books.google.de/… – Mac Mar 8 '18 at 16:52
  • @Mac: finde ich sehr interessant, mach doch eine Antwort daraus! – Takkat Mar 9 '18 at 8:35
  • Ich habe die E-Mail-Adresse des Übersetzers ausfindig gemacht und ihm die Frage mal geschickt. Mal schauen... – user 99572 is fine Mar 9 '18 at 11:54
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Mir fiel heute ein, den Übersetzer Olaf Kühl einfach direkt anzuschreiben. Er hat mir soeben folgendes zum Wort "Urke" geschrieben:

"Urke" kommt aus dem Russisch-Jiddischen und heißt dort "Gangster", "Dieb" ("урка"). Twardoch übernimmt es auch einfach so, im Polnischen werden viele es ebenso wenig verstehen. Ich habe dann recherchiert und in einigen speziellen Texten das "Urke" gefunden. Ein bißchen Exotik muß sein.

Viele Kommentare sind auf der richtigen Spur.

  • Wusstest du, dass man hier auch eigene Antworten als "akzeptiert" kennzeichnen darf? – Arsak Mar 10 '18 at 12:41
  • @Marzipanherz Danke, habe ich soeben gemacht – user 99572 is fine Mar 11 '18 at 17:45
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Nach einigem Herumrecherchieren (und einem im Frühstadium abgebrochenen Versuch, den Autor des Romans zu kontaktieren1) habe ich nun meine aus Polen stammende Kollegin gefragt, der das Wort zunächst nichts sagte, doch sie hat sich wiederum bei ihren Freundinnen erkundigt. Demnach wird das Wort

Urke

im Polnischen verwendet als Bezeichnung für einen Ganoven, Übeltäter oder eben Schurken.

Die Freundinnen meiner Kollegin verweisen ebenfalls auf den bereits in Kommentaren hier genannten berühmten Urke Nachalnik, meinen aber, dass Urke auch als eine Bezeichnung für Spitzbuben allgemein gebräuchlich sei.

Damit könnte man den inkriminierten Satz auch so fassen:

Der Pate […] sah ihn beim Training, sprach ihn an und erkannte sofort den Straßenjungen in ihm, den Tunichtgut.

Da es zum Thema passt, darf ich hier vielleicht noch auf eine schöne Bezeichung für einen solchen Übeltäter hinweisen, der in Bulgarien gebräuchlich ist, nämlich den

нехранимайковец / nechranimajkovec

also den "Ernährt-seine-alte-Mutter-nicht-ler", also ein Typ von der ganz herzlosen Sorte, auf Neudeutsch vielleicht kurz - wenn auch weniger pittoresk - ein

Assi

oder, wenn man Vokabular des frühen 19. Jahrhunderts lieber mag, ein

Taugenichts

Interessant noch: Urke Nachalnik könnte man demnach auch als

Schurke Frechdachs

übersetzen.

1) Seine Website wird bei mir von Firefox als Malware-verseucht gemeldet (8.3.2018). So ein urke!

  • Der Name ist anscheinend ein Künstlername und wird auf einigen englischsprachigen Seiten mal als "brazen master criminal", mal als "Crafty Master Thief" übersetzt. (Google "urke", "yiddish"). Evtl. lässt sich auch das englische "urchin" damit in Beziehung bringen? – Mac Mar 8 '18 at 16:46
  • 1
    ... nach kurzem Geistesblitz noch was gefunden (wenn man das Ganze nicht über Jiddisch, sondern eher über Rotwelsch aufzieht): books.google.de/… – Mac Mar 8 '18 at 16:50
  • @Mac Interessant; aber führt vielleicht auch im Kreis herum: "Rotwelsch ist die im 13. Jahrhundert entstandene Geheimsprache der Gauner, deren Wortschatz zum Teil auf Sonderbedeutungen bekannter Worte, vor allem aber auf umgedeuteten Anleihen aus dem Jiddischen und aus Zigeunersprachen basiert." - Gibt es hier vielleicht jemanden, der des Jiddischen ausreichend mächtig ist? – Christian Geiselmann Mar 8 '18 at 21:52
2

Urke ist ein Eigenname als Referenz, in diesem Fall bezieht sich das wohl auf Urke Nakhalnik.

  • Neben dem Namen gibt es noch eine zweite Bedeutung. Die Zeitschrift, die ich abonniere, kostet pro Monat 3 Urke 50. – Pollitzer Mar 8 '18 at 9:05
  • 3
    @Pollitzer In Deutschland, in Polen, oder in welchem Währungsterrain? – Christian Geiselmann Mar 8 '18 at 9:19
  • 2
    @Pollitzer, nur wird nicht nach irgendeiner Bedeutung gefragt, sondern nach der, die der Romanautor im Sinne hatte. – Björn Friedrich Mar 8 '18 at 9:39
  • @ChristianGeiselmann: Nicht Schilda, nicht Nimmerland – Phantasialand. – Pollitzer Mar 8 '18 at 9:48
  • @Pollitzer Na ja, aber wo sagt man denn "3 Urke 50"? Hörst du das irgendwo? Liest du es irgendwo? In der Schildaer Neuen Presse? Im Nimmerländer Volksfreund? – Christian Geiselmann Mar 8 '18 at 11:10

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