1

Welche Zeitform ist besser:

Ich habe viel arbeiten müssen.

oder

Ich musste viel arbeiten?

Ist eine der zwei Formen häufiger?

3

Ich verstehe den Bezug zu Modalverben in der Frage ehrlich gesagt nicht. Warum soll die Anwesenheit eines Modalverbs standardsprachlich einen Unterschied im Tempusgebrauch bewirken? Ich habe von einem solchen Zusammenhang noch nie gehört.

Ganz generell löst die Frage, wann das Präsensperfekt und wann das Präteritum verwendet werden soll, bei Sprechern - Nichtmuttersprachlern ebenso wie Muttersprachlern - erhebliche Unsicherheit aus. Weil es vielen schwerfällt, zwischen den Tempora zu unterscheiden, ist darüber glücklicherweise aber auch schon vieles geschrieben worden. Zum Beispiel hier:

In Bezug auf Ihren Beispielsatz können Sie den dortigen ausführlichen Erklärungen auch entnehmen, dass zumindest keine der Zeitformen ausgeschlossen sein wird. Eine Präferenz kann sich jedoch aus dem Kontext ergeben. Diesen liefern Sie nicht mit. In einem Zusammenhang wie

  • Ich bin heute schon um fünf Uhr aufgestanden und ins Büro gefahren. Ich habe viel arbeiten müssen. Jetzt bin ich erschöpft.

würde man standardsprachlich etwa Präsensperfekt bevorzugen, weil das Arbeitenmüssen hier gerade den Zustand in der Sprechzeit (Jetzt bin ich erschöpft) bewirkt. Wenn Sie hingegen über Ihre anstrengende Kindheit berichten, wird dieser Bericht typischerweise im Präteritum stehen.

Was die Häufigkeit der beiden Tempora anbetrifft, ist zu konstatieren, dass das Präteritum in der geschriebenen Sprache im Allgemeinen häufiger als das Präsensperfekt auftritt. Siehe IDS, op. cit.:

enter image description here

In der gesprochenen Sprache ist der Gebrauch des Präsensperfekts allerdings häufiger als in der geschriebenen. Zudem gibt es regionale Unterschiede. So haben etwa oberdeutsche Dialekte schon bis Ende des 16. Jahrhunderts einen so genannten Präteritumschwund erfahren; dort sind Präteritalformen daher noch heute zumindest in der gesprochenen Sprache sehr selten. Es wird vermutet, dass sich diese Tendenz zunehmend nordwärts ausbreitet.

Was freilich vermutlich auch richtig ist, ist, dass Sprecher in der gesprochenen Praxis gewisse Konstruktionen eher scheuen werden als andere. Insofern ist es gut möglich, dass jemand die Form habe viel arbeiten müssen eher zugunsten der präteritalen Alternative zu vermeiden sucht, um nicht noch ein drittes Verb (haben) unterbringen zu müssen (Stichwort: Sprachökonomie). Tatsächlich ist etwa auch bekannt, dass eine gewisse Tendenz besteht, komplexe Prädikate eher ins Präteritum zu setzen (dazu Welke, Tempus im Deutschen, 2005, S. 340 ff.).

  • 2
    Je weiter nördlich man kommt, desto mehr Verben werden auch in der gesprochenen Sprache im Präteritum benutzt. Die Modalverben gehören dabei zu den heißesten Kandidaten. Es käme mir z.B. nicht in den Sinn Ich habe viel arbeiten müssen. zu sagen. Viel zu kompliziert. – Janka Oct 7 '18 at 23:50
  • @Janka und du bist eine nördlichere Person? – Beta Oct 8 '18 at 10:43
  • 1
    "Ich verstehe den Bezug zu Modalverben in der Frage ehrlich gesagt nicht." In grammar books, I think I have read that there is a distinction as it is said that modal verbs as well as auxiliary verbs tend to be used more with simple past even in the regions where other verbs are more used with present perfect in spoken German. Same idea that these verbs as well as some common irregular verbs are used more in past subjunctive whereas the past subjunctive of most verbs are hardly ever used in everyday speech. – Abdullah Oct 8 '18 at 11:04
  • @Beta: Ich komme aus dem Harzvorland. Hier gibt es ein Gemisch zwischen Westfälisch und Sächsisch. Man nimmt das, was einem näher liegt. – Janka Oct 8 '18 at 11:16
  • 1
    @DawnWilliams, why didn't you write that in your question? It is very frustrating to respond to an extremely broad question only to find out that it could have easily been narrowed down. – johnl Oct 9 '18 at 4:29
0

Das Modalverb hat mit diesem Unterschied nichts zu tun. Wie immer fokussiert das Imperfekt auf die Handlung selbst und das Perfekt auf die Auswirkung:

Ich musste viel arbeiten. Oft war ich schon um 5:00 auf den Beinen und erst um 23:00 im Bett, und an Freitagen...

Ich habe viel arbeiten müssen. Noch heute wache ich regelmässig um 7:00 auf und...

(Modalverben erlauben allerdings eine subtile Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Perfekt-Konstruktionen:

Er hat hart arbeiten müssen. (He's had to work hard.)

Er muss viel gearbeitet haben. (He must have worked hard.)

Im Gegensatz zur Perfekt/Imperfekt-Unterscheidung wie von johnl beschrieben variiert diese Unterscheidung m.W. auch nicht regional.)

  • 1
    Why do you translate the first sentence with > He's had to work hard? Wouldn't that be >Er hatte hart arbeiten müssen? I would translate the first sentence as >He had to work hard. – Dawn Williams Oct 9 '18 at 2:19
  • @DawnWilliams for good reasons, because it would be preterite / simple past in both languages: had to work--musste arbeiten; Whereas hat müssen is a perfect formation with Ersatz-infinitive (i.e. "müssen") prefered over the regulalrly correct participle "gemusst". I suppose "has had" is in the perfect as well; and the details are possibly interesting when "have to" is taken into account and compared to the modal Ersatz-Infinitiv, but the details however would be off-topic, here. – vectory Sep 22 at 15:38

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.