Unter dem Titel »Schön, Sie nicht kennenzulernen!« bietet der Deutschlandfunk aktuell den Abruf eines Features über unbekannte Bekannte an. Das sind Leute, die man (z. B. im »Pendler-Elend«, wie es heißt) immer wieder sieht, ohne je mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Zu den Mitwirkenden gehören:

  • Mr. Outfit
  • ein Hardcore-Christ
  • der Barock-Engel

Jedenfalls sagt der Autor an Stelle 14:38 mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht:

... und keiner redet miteinander.

Das ist mir so noch nicht begegnet. Soll wohl »... und keiner redet mit jemandem« bedeuten.

Ist das ein Regionalismus? Oder ist es einfach nur falsch?

abstruse Ausdrucksweise

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Jemand, der ganz allein ist, kann nicht miteinander reden. Dazu braucht es mindestens noch eine zusätzliche zweite Person.

Die Tätigkeit »miteinander reden« kann also nur von mehreren Personen ausgeübt werden. Das betrifft alle Tätigkeiten, die man miteinander macht. Das Adverb miteinander zwingt daher dem Subjekt den Plural auf.

Das bedeutet aber auch, dass das Subjekt nicht im Singular stehen kann, wenn das Adverb miteinander das Verb modifiziert.

falsch: Erwin redet miteinander.
richtig: Die Gäste reden miteinander.

Nun steht da aber das Indefinitpronomen keiner im gegenständlichen Satz im Singular, was man unter anderem auch am Verb sehen kann (»redet« statt »reden«).

Daher:

falsch: Keiner redet miteinander.

Auflösen kann man das am einfachsten, indem man miteinander durch etwas anderes ersetzt, z.B.:

richtig: Keiner redet mit anderen.

  • 3
    Eigentlich ist das Hauptproblem der semantischen Logik hier, dass miteinander eine Mehrzahl von Leuten benötigt, keiner aber als Singular begriffen wird. (Obwohl das ja auch nicht wirklich logisch ist: wie kann keiner Einzahl sein? Keiner müsste Nullzahl sein.) Eine bessere Lösung als "Keiner redet mit anderen" wäre wohl "Die Leute reden nicht miteinander." – Christian Geiselmann Nov 6 at 19:24
  • 2
    Deutsch hat nur zwei Numeri, nämlich Einzahl und Mehrzahl. Und wenn das Subject selbst nicht in dieses Schema passt (das passiert eigentlich nur bei Indefinitpronomen), dann hilft es - wie in der Antwort ohne hin erwähnt - auf den Numerus des Verbs zu schauen. – Hubert Schölnast Nov 6 at 20:42
  • 2
    Diese Antwort geht davon aus, dass der garammatikalische Singular des Subjekts impliziert, dass ein einzelner Akteur (bzw. viele einzelne Akteure, die jeweils einzeln betrachtet werden) gemeint ist. Ich bin nicht sicher, ob das eine valide Annahme ist; es wäre aber eventuell eine separate Frage wert. – O. R. Mapper Nov 7 at 8:52
  • 2
    Keiner ist nicht per se Singular, sonder ein Indefinitpronomen, das sich auf die Anzahl "Null" bezieht. Logisch ist Null nichts, also weder Ein- noch Mehrzahl. Gramatisch kann Keiner aber sowohl Singular als auch Plural sein. – scienceponder Nov 7 at 18:06
  • 2
    @scieneponder Kannst du ein Beispiel geben für eine Verwendung von keiner in der Mehrzahl? – Christian Geiselmann Nov 9 at 15:08

Ich weiß nicht, ob es ein Regionalismus ist, aber

1) Ich habe die Radiosendung live gehört (war es nicht ein "Feature"?), und sie war phänomenal gut. Echte Radiokunst. Und wenn man sie weniger als Journalismus und mehr als Kunst betrachtet, wird man bei der Beurteilung von Ausdrucksformen auch nochmals eine andere Elle anlegen.

2) Für mich ist

miteinander reden

kein Regionalismus. Man sagt deutschsprachraumweit

Wir müssen mal miteinander reden

(selten folgt ein angenehmes Gespräch), und somit müsste auch irregional

nicht miteinander reden

möglich sein, und somit auch

keiner redet miteinander

Ich gebe aber zu, dass mein Blick auf regionale und überregionale Sprachformen geprägt ist durch eine unvermeidbare Regionalität meines Aufgewachsenseins (in Süddeutschland), wenn auch dann gemildert durch eine ausgeprägte Überregionalität meines weiteren Lebenswandels.

Ich gebe weiter zu, dass "keiner redet miteinander" logikseitig einen Schluckauf hat, denn wenn keiner redet, kann es ja nicht miteinander sein. Insofern ist der Ausdruck vielleicht etwas tautologisch. Auf jeden Fall ist er eher umgangs- als formalsprachlich.

Das Problem lässt sich wohl nicht lösen, nur umschiffen. Zum Beispiel mit:

Die Leute reden nicht miteinander.

Der umgangssprachliche Ausdruck keiner redet miteinander ist in seiner inneren Widersprüchlichkeit übrigens vergleichbar der Aufforderung:

Wir brauchen hier Platz für mehr Leute. Rückt mal weiter zusammen!

Was denn nun? Weiter? Oder zusammen? Das ist ja eigentlich auch ein Widerspruch. Konsequent wäre, es hieße "enger zusammen".

Nun für die Praxis: In der Zeitung würde ich "keiner redet miteinander" nicht schreiben. Hiermit wären wir wieder bei Punkt 1, siehe oben.

[Haha! Der Leser befindet sich nun in einer Endlosschleife, in der er unweigerlich verhungern muss.]

  • 5
    Ich sehe das auch so. Keiner redet mit keinem, also redet keiner miteinander. Passt von meinem Sprachgefühl her. – Raketenolli Nov 6 at 17:09
  • 4
    Auch ich -aus dem Süddeutschen Sprachraum- empfinde "keiner redet miteinander" als absolut in Ordnung und zähle das so zu meinem eigenen Wortschatz und dem Wortschatz meiner Umgebung: ich habe das schon ziemlich oft gehört und selbst benutzt, und mir noch nie Gedanken darüber gemacht. – Torsten Link Nov 6 at 17:14
  • 3
    "denn wenn keiner redet, kann es ja nicht miteinander sein" - es ist aber genau die Aussage gemeint, dass keiner mit einem anderen redet. Dass der ein oder andere statt dessen vielleicht vor sich hinbrabbelt (sei es mit sich selbst oder mit einem entfernten Gesprächspartner via Smartphone), ist dabei gar nicht ausgeschlossen. Es wird also eventuell durchaus geredet (ob das so ist, darauf wird nicht eingefangen, ist aber für die Aussage auch irrelevant), nur eben nicht miteinander. – O. R. Mapper Nov 7 at 8:46
  • @O. R. Mapper Du hast natürlich recht: Es kann schon sein, dass alle reden, aber nicht miteinander. Aber das ist doch genau der umgekehrte Fall von "keiner redet, also auch nicht miteinander". Wenn keiner redet, redet keiner mit einem anderen, und keiner redet auch nur vor sich hin. – Christian Geiselmann Nov 9 at 15:05
  • @ChristianGeiselmann: Sicher, aber dass "keiner redet", das behauptet ja überhaupt niemand. Oder anders ausgedrückt: Meinem Verständnis nach beinhaltet die Aussage "Keiner redet miteinander." nicht die Aussage "Keiner redet." – O. R. Mapper Nov 9 at 19:49

»Keiner redet mit jemandem«

lässt die Möglichkeit offen, dass jemand per Smartphone mit einem Abwesenden redet, im Pendelverkehr nicht unbedingt eine Rarität.

Außerdem lässt es offen, dass jmd. mit sich selbst redet, aber das wäre etwas weit hergeholt.

... und keiner redet miteinander

ist da spezifischer. Selbstgespräche kann man nicht wirklich unter miteinander reden fassen und ins Telefon zu quaken ist eben auch nicht von miteinander erfasst, soweit es sich um die Passagiere eines Verkehrsmittels handelt.

Huberts Antwort:

Keiner redet mit anderen.

oder

Keiner redet mit den Anderen.

Keiner redet mit einem Anderen.

würde die Verhältnisse aber korrekt abbilden. Ich denke auch, dass miteinander einen Plural erfordert.

Ein ähnlicher Fall wäre

Deutsche reden nicht miteinander.

vs.

Der Deutsche redet nicht miteinander.

Letzteres klingt falsch und ist es m.E. auch.

  • 1
    "Selbstgespräche kann man wirklich unter miteinander reden fassen" - fehlt hier nicht ein "nicht"? – O. R. Mapper Nov 7 at 16:37
  • Ja, danke. War beim mehrfachen Umformulieren unter den Tisch gefallen. – user unknown Nov 7 at 21:46
  • Gut, dass ihr miteinander geredet habt! – Christian Geiselmann Nov 9 at 15:08

Für mich klingt es ganz logisch. Ich bin auch der Meinung, dass es in der Sprachpraxis oft genau so gesagt wird. Der Satz hat seine Logik darin, dass "miteinander reden" ein feststehender Begriff ist. "Miteinander reden" bedeutet nicht unbedingt "sprechen", gemeint ist vielmehr der Austausch von Gedanken und Informationen (auch via email).

Praktisches Beispiel: "In der Abteilung X redet keiner miteinander". Das bedeutet nicht, dass keiner den anderen anspricht, oder dass alle schweigen. Es wird auf einen fehlenden Informationsfluss bzw. auf fehlende Absprachen hingewiesen. Was dort keiner macht, ist "miteinander reden". Deshalb erscheint mir das "miteinander" überhaupt nicht unlogisch oder unpassend.

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