5

In »Der Glöckner von Notre-Dame« (Übersetzung: Helmuth Leonhardt) steht der folgende Satz:

Die einfache Glasscheibe ersetzte das Kirchenfenster, der handwerkliche Steinhauer folgte auf den Steinbildnern.

Einen Fehler habe ich gemäß dem Prinzip der wohlwollenden Interpretation zunächst ausgeschlossen. Ich kann allerdings per Google, im Duden oder im DWDS keine Hinweise auf eine heutige Verwendung der n-Deklination im Akkusativ Singular beim Substantiv Bildner oder Steinbildner finden.

In dieser Antwort (die Frage bezieht sich allerdings auf Beispiele mit dem Dativ) wird erläutert:

Lehrer ist eine direkte Substantivierung des Handlenden zum Verb lehren. Vergleichbar wären Wörter wie Seher, Hörer, Täter, Bäcker und ihre entsprechenden Verben sehen, hören, tun, backen. Es handelt sich hierbei durchweg um germanische Erbwörter und ererbte Grammatikkonstruktionen – obwohl die gleiche Substantivierung auch bei neueren Verben durchgeführt werden kann, wie beim Internetsurfer.

Zu dieser Gruppe würde ich auch den Bildner zählen. Die Antwort erläutert aber gerade, dass diese Wörter (Beispiel aus der Frage: »Der Rotstift gehört dem Lehrer«) keine n-Deklination aufweisen, im Gegensatz zu Substantiven, die nicht von einem (deutschen) Verb abgeleitet sind (»Der Revolver gehört dem Polizisten«).

Wobei handelt es sich also bei der Endung in dem Satz, den ich im Glöckner gefunden habe?

4

Ich befürchte, hier handelt es sich einfach um einen Fehler.

Die Übersetzung von Friedrich Bremer, die es im Projekt Gutenberg gibt, schreibt hier:

Die Glasscheibe ersetzt das Kirchenfenster; der Steinhauer tritt an die Stelle des Bildhauers.

Unterstellen wir, dass das das ist, was der Satz im Original sagen will, dann müsste dein Beispielsatz lauten

Die einfache Glasscheibe ersetzte das Kirchenfenster, der handwerkliche Steinhauer folgte auf den Steinbildner.

Mir ist nicht bekannt, dass es jemals den Akkusativ für Bildner mit "-n" Endung gegeben hätte. Nehmen wir uns also ein zeitgenössisches Wörterbuch zu Hilfe (das französische Original ist von 1831, der Grimm etwa 30 Jahre später), und wir finden dort mehrere Einträge für Bildner, auch mit Beispielen im Akkusativ, von denen keines so aussieht wie dein Beispiel, sondern alle so, wie wir heute auch schreiben würden.

Die einzige Alternative zur Interpretation, die mir hier einfällt, wäre, dass es sich um einen Dativ im Plural handeln könnte (jemandem folgen). Da passt aber die Präposition „auf“ nicht dazu. "jemandem auf etwas folgen" (mit Dativ Plural) würde nur passen, wenn der Bildhauer ein Reittier, z.B. ein Pferd wäre...

  • Mir ist nachträglich noch etwas eingefallen. Ich hatte einmal eine Frage zur Wortform von Pandoren gestellt. Ähnlich wäre auch Marien, und man findet die Endung auch in der deutschen Literatur. Ich zweifle nicht an deiner Antwort, aber könnte es sich bei Bildnern um eine ähnliche Form handeln? – Philipp Dec 19 '18 at 15:49
  • @Philipp Pandora / Pandoren und Maria / Marien sind mMn veraltete Genitivformen von Femina, die auf "-a" enden. Das hat für mich irgendwie gar nichts mit Maskulina auf "-er" im Akkusativ zu tun. – tofro Dec 19 '18 at 16:24
  • Wie in der verlinkten Frage geschrieben, glaube ich nicht, dass es sich beim en in Marien / Pandoren um eine alte Genitivendung handelt. Im Genitiv wird dort trotzdem ein s angehängt (s. dort das Beispiel aus Emilia Galotti). – Philipp Dec 19 '18 at 17:14
  • @Philipp Du kannst diese Frage woanders stellen, aber es war früher üblich, weibliche Namen so zu deklinieren. Es gibt etwa auch die altertümliche Form bei Muttern. – sgf Aug 29 at 12:40
  • @sgf Interessant, als Norddeutscher kenne ich Muttern natürlich, hatte es aber nicht damit in Verbindung gebracht. – Philipp Aug 29 at 17:07
0

Die Antwort lautet schlicht und kurz:

Der Text hat einfach einen Fehlern.

Man kann aber erahnen, wo er herkommt, der "Fehlern": Es wäre nämlich ohne weiteres folgende Variante des Originalsatzes möglich:

Die einfache Glasscheibe ersetzte das Kirchenfenster, der handwerkliche Steinhauer folgte den Steinbildnern.

Hier wird der Dativ verwendet, und das n ist richtig. Der Unterschied zwischen den Sätzen ist nur das Weglassen des auf. Vermutlich hat der Übersetzer zwischen "folgen auf wen" und "folgen wem" hin und her überlegt, und am Ende ist, wie das dann oft passiert, beides stehengeblieben. Kann auch in der Setzerei passiert sein, weil das Manuskript unklar war.

  • 1
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auf einem Medium, das zu einem grossen Teil von Menschen besucht wird, die die deutsche Sprache lernen wollen, nicht angebracht ist, absichtlich Fehler unterzubringen, ohne sie als solche zu kennzeichnen, auch wenn du das vielleicht komisch finden magst. – tofro Dec 4 '18 at 18:25

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.