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Starke Verben haben in der 1. Person Singular Präteritum Indikativ keine Endung -e:

ich ging, sah, kam, nahm, fand, half, blieb, ...

Die Ausnahme ist werden:

ich wurde (veraltet: ward)

Nun höre ich gelegentlich von Muttersprachlern ich fande anstelle des standardsprachlichen ich fand.

  1. Mich interessiert, woher diese Form stammt. Gibt es Dialekte, in denen sie üblich ist?

  2. Gebrauchen Sprecher, die ich fande sagen, die Endung -e auch bei anderen Verben? Also ich sahe, kame, nahme, ...

  3. Was ist die Geschichte dieser Form?

Da man nach gesprochenen Belegen nicht googeln kann, müssen schriftliche genügen. In Wikipedia-Diskussionsseiten findet man viele Treffer (Korpussuche):

Hi - ich habe At the Drive-In erst einmal als Progressive-Rock -Band eingestuft, da ich fande, dass der Musikstil der Band kein Punk ist.

Hey Rudolfox Ich hab die erste Version der Interpretation geschrieben und fande deine Ergänzungen durchaus wertvoll und nachvollziehbar.

Dank @Marzipanherz konnte immerhin schon ein Name für das Phänomen gefunden werden: e-Epithese.

Nachtrag. Ein Tonbeleg kam mir durch Zufall unter: Youtube.

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    Ich habe das noch nie gehört oder gelesen. Kannst du genauer spezifizieren, wo du das gehört hast (geografische Region, Radio- oder Fernsehsender)? – Hubert Schölnast Dec 7 '18 at 12:03
  • 7
    Mir geht's wie Hubert. Nie (von einem Muttersprachler) gehört. Muttersprachliche Italiener und Spanier machen solche Fehler gerne, wenn sie Deutsch lernen, weil ihr Idiom keinen Verschlußlaut am Wortende mag. – tofro Dec 7 '18 at 12:08
  • 1
    Ich kenne diese Form im Sächsischen, und ich denke, es ist die einzige Ausnahme unter den starken Verben. – jonathan.scholbach Dec 7 '18 at 14:05
  • 2
    @jonathan.scholbach ausgehend von Deinem Kommentar habe ich diesen Artikel über die Akope gefunden. David, das könnte für die Frage relevant sein. – Arsak Dec 7 '18 at 16:23
  • 1
    Von dem Artikel über Apokope bin ich zu dem über Epithese gelangt. Im Frühneuhochdeutschen scheint diese Anhängung üblich gewesen zu sein, was auch erklärt, warum man bei Google Books leicht Treffer für "ich fande" in Büchern des 18. Jhdt. findet. Mich interessiert allerdings die Gegenwart! – David Vogt Dec 7 '18 at 17:28
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Ich bin Muttersprachler aus dem sächsischen Raum, spreche zwar nur wenig Regiolekt, musste aber feststellen, dass mir beide Formen geläufig sind und sie sich für mich nicht falsch anhören. (Mir ist bewusst, dass es dennoch nach dem Duden standardsprachlich falsch ist) Besonders wenn ich mir die Form fande im obersächsischen Regiolekt vokalisiere, meine ich, dass diese Form dort häufiger anzutreffen ist.

Bei anderen Verben ist mir die Anhängung von -e nicht bekannt, eher die Weglassung.

Interessanterweise merkte ich, dass ich die Form fande nur nutzen würde, wenn ich es im Sinne einer Wertung (beurteilen, befinden) verwenden will, nicht aber beim auffinden oder fündig werden.

Ich fande die Frage sehr aufschlussreich.

aber:

Ich fand die Frage im Internet.

Weitere Belege für das Vorhandensein von fande in der Umgangssprache:

Die Animationen waren auch, wie ich fande, wesentlich schlechter als im ersten Teil,[...]1

Oh - ein Gegenbeispiel zu meiner These:

[...]und ich fande kaum noch Haare bei mir auf dem Bode.2

Der selbe Effekt tritt auch beim Verb sehen auf. Jemand aus Nordrhein-Westfalen schreibt in einem Forum:

Ich sahe gerade, dass Lennart auch Mitarbeiter der Standesamtsaufsicht ist oder war.3

oder auch:

Also ich sahe gestern ein unterhaltsames Spiel.4

Mit dem Verb haben, gehen, sehen in der 1. Person Präsenz verhält es sich ja genau anders herum. Dort hat sich umgangssprachlich, wie in dem Artikel über Epithese vermerkt, das Weglassen der Endung -e durchgesetzt.

Deshalb wäre noch eine letzte These, dass es auftritt wenn man bemüht ist korrekt (oder Dialektsprecher Hochdeutsch) zu sprechen. Dies las ich in einem Korrektur-Forum indem über genau dieses Thema diskutiert wurde.

Im 18. jahrhundert war diese Form wohl noch häufiger anzutreffen, was eine Volltextsuche in durch Google indizierten Büchern ergab.

Beispiel:

Alles fande ich, was zur Equipage meines Schiffes vonnöthen war, nur an Tauwerck wolte es mir mangeln; allein, ich fande endlich Rath.

aus dem Buch "Der americanische freybeuter" von Robert Pierot von 1745

  • Der Code-Markup mit Gravis-Akzenten sollte nicht benutzt werden, wenn es sich nicht um Code handelt, denn er zerreißt den Lesefluss arg. Kursivsetzen ist wesentlich besser. – Jan Dec 18 '18 at 10:39
  • Die Beobachtung mit der Wertung kann ich bestätigen. Für mich bleibt die Frage spannend: Ist es eine Hyperkorrektur? Oder soll es eine besondere Betonung, einen besonderen Nachdruck ausdrücken? Oder haben wir es gar mit zwei verschiedenen Verben finden zu tun? – jonathan.scholbach Dec 18 '18 at 11:39
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@SeDav hat dankenswerterweise darauf hingewiesen, daß die Form fande in sächsischen Dialekten auftaucht. Ich wollte hier noch ergänzen, was ich in dem im Wikipediaartikel zur Epithese erwähnten Aufsatz zum Thema gefunden habe: Ulrike Imsiepen, "Die e-Epithese bei starken Verben im Deutschen", in: Karl-Heinz Best und Jörg Kohlhase (Hrsg.), Exakte Sprachwandelforschung. Göttingen: Edition Herodot, 1983, S. 119-141.

Die e-Epithese bei den starken Verben ist ein Sprachwandelprozeß, der sich nicht durchgesetzt hat. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts erlangte sie ihre größte Beliebtheit, war jedoch nie obligatorisch. Man findet also auch in ihrer Hochzeit bei ein und demselben Autor Formen ohne -e neben solchen mit -e. Die Formen mit -e sind immer seltener als die ohne.

In einer Fußnote zitiert Imsiepen einen Autor, der festgestellt haben will, daß die e-Epithese in thüringisch-obersächsischen Dialekten vorkommt. Das würde zu dem Beitrag von @SeDav passen.

Die Autorin hat mit viel Fleiß 28.000 Belege gesammelt. Davon wiesen 5.000 ein -e auf. Leider findet man in der Arbeit keine Informationen darüber, ob das -e bei manchen Lexemen (wie z.B. finden, sehen) häufiger auftritt als bei anderen.

Nachtrag: Eine im Internet zugängliche Quelle zur Geschichte ist Hermann Pauls Deutsche Grammatik, Band II, Teil III, § 155 Link. Dort heißt es:

§ 155. Als eine Angleichung der starken Konjugation an die schwache müssen wir es auch betrachten, wenn in der 1. und. 3. Sg. Ind. Prät. der starken Verba ein e angefügt wird. Die Anfänge davon reichen bis in das 13. Jahrh. zurück, vgl. Weinhold § 374. Spätmhd. und anhd. sind solche Formen sehr üblich. Auch im 18. Jahrh. kommen sie noch oft vor. Schließlich sind sie doch wieder ausgestoßen, nur wurde hat sich behauptet und ist zur gewöhnlichen Form geworden, während das ältere ward auf die gewähltere Rede beschränkt worden ist.

Auch sähe wird noch manchmal in feierlicher Rede im Anschluß an die Bibelsprache gebraucht.

Eine Quelle zur Verbreitung von e-haltigen Formen in neuhochdeutschen Dialekten habe ich leider nicht gefunden.

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