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Wenn man bei uns in Österreich feststellt, dass kein Brot, keine Milch, kein Klopapier usw. mehr da ist, sagt man:

Das Brot ist aus.
Die Milch ist aus.
Das Klopapier ist aus.
usw.

In Deutschland (vor allem weiter im Norden) scheint aber diese Formulierung gebräuchlicher zu sein:

Das Brot ist alle.
Die Milch ist alle.
Das Klopapier ist alle.
usw.

Wie alle Germanismen breitet sich auch die Floskel »etwas ist alle« (bei der »alle« nicht wie sonst üblich als Indefinitpronomen, sondern als Adverb verwendet wird) seit einigen Jahrzehnten auch in Österreich aus und wird hierzulande kaum noch als deutschländisch oder sonst wie ungewöhnlich empfunden. Meiner persönlichen Einschätzung nach sagt schon rund ein Viertel bis zu einem Drittel aller Österreicher »etwas ist alle« (vor allem jüngere Sprecher).

Mir ist aber nach wie vor unklar, wie es dazu kam, dass »etwas ist alle« zur Bedeutung »etwas ist aufgebraucht« kam.


Die Floskel »etwas ist aus« für Zeiträume, die ein deutlich erkennbares Ende haben, halte ich für relativ alt:

Die Ferien sind aus.
Der Unterricht ist aus.
Die Messe ist aus.
Der Sommer ist aus.

Dass sich diese zeitraumgebundene Bedeutung auf das Vorhandensein von Verbrauchsgütern übertragen hat (die ja auch nur während eines bestimmten Zeitraums verfügbar sind), scheint mir auf der Hand zu liegen, zumal das Wort »aus« auch in der ursprünglichen Verwendungsart bereits ein Adverb ist, das Wort also keinen Wortartwechsel durchmachen musste.

Aber im Fall von »etwas ist alle« kann ich mir nicht einmal ansatzweise erklären, wie das Indefinitpronomen »alle« zu einem Adverb mit der Bedeutung »nicht mehr vorhanden« geworden ist.

  • 2
    Nur mal der Neugier halber: sagt(e) man zu Kindern in Österreich, etwas ist aus-aus, wie man (teilweise?) zu Kindern in Deutschland sagt, etwas ist alle-alle? – Marzipanherz Dec 31 '18 at 11:01
  • 2
    Echt? Ihr sagt »alle-alle«? Das hab ich ja noch nie gehört. Wenn ein Behältnis leer ist, sagt man im Osten Österreichs zu kleinen Kindern manchmal »lah-lah« (»lah« ist das Dialektvokabel für leer) und hält dabei oft auch den Behälter kopfüber um zu demonstrieren, dass da nichts mehr herausfallen bzw. herausfließen kann. Dabei wird das zweite lah ca. eine Terz tiefer intoniert als das erste. »Aus! Aus!« sagt man zu Kindern als dringenden Befehl, wenn man erreichen will, dass sie mit dem, was sie gerade machen, jetzt sofort aufhören. – Hubert Schölnast Dec 31 '18 at 12:12
  • 1
    @tofro: Richtig. In Dialekten. Aber »etwas ist aus« und wie ich vermute auch »etwas ist alle« sind standardsprachliche Wendungen. – Hubert Schölnast Dec 31 '18 at 15:42
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    @RudyVelthuis: Die Bedeutung "aus = vorbei" besteht ja im gesamten deutschen Sprachraum, nicht nur im Süden. Das sagt man in Bern, in Köln, in Hamburg, Berlin, Dresden, München, Wien, Graz und Bozen. Diese Bedeutung hat keine regionale Komponente. Und wie die Bedeutung "aus = aufgebraucht" aus "aus = vorbei" entstanden sein könnte, habe ich erklärt. – Hubert Schölnast Jan 3 at 19:10
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    Noch ein Punkt zu bedenken: man kann aus in Norddeutschland so verwenden wie in Österreich, aber es ist nicht so verbreitet. Man kann jedoch nicht für alle diese Fälle von aus das Wort alle verwenden, sondern nur, wenn etwas aufgebraucht ist. Für das zeitliche aus (Ferien) sagt man z. B. zu Ende. – Philipp Jan 5 at 10:44
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Blatz behauptet in seiner Neuhochdeutschen Grammatik, es läge eine Ellipse zugrunde, ohne das näher auszuführen. Ich vermute, er meint,

Sind eure Blumen alle? (Grillparzer)

sei aus

Sind eure Blumen alle {verbraucht, weg}?

entstanden. (Das Beispiel ist insofern interessant, als Grillparzer Österreicher war.)

So könnte man aber allenfalls die Entstehung einer neuen Bedeutung erklären, da ein Beispiel wie

Und damit ists noch nicht alle! (Schiller)

nicht auf eine Ellipse zurückgeführt werden kann.

Das Deutsche Wörterbuch wendet sich (unter II., 6.) gegen die Erklärung mittels Ellipse, da man so alle machen für töten nicht erklären könne. Sie verweisen auf eine parallele Doppeldeutigkeit bei fertig (bereit gegenüber erschöpft) und vermuten trotz fehlender Belege aus mhd. und ahd. Zeit einen germanischen Ursprung. Aus dem Altnordischen wird angeführt: hann varð þar allr, er starb dort.

Die Grimmsche Deutung erscheint mir plausibler: Es liegt eine alte Doppeldeutigkeit vor. Das Pronomen oder Artikelwort hat die Bedeutung ganz, vollständig (auch in Distanzstellung):

Alle Kinder bekommen ein Geschenk.
Die Kinder bekommen alle ein Geschenk.

Dieses all- kommt selbstverständlich mit allen Verben vor. Das prädikative alle hat die Bedeutung zu Ende, erschöpft und tritt nur mit sein, werden, machen auf. Wenn eine Person oder ein Dialekt dieses zweite alle vergißt, dann versucht man, es wie Blatz vom ersten abzuleiten, und scheitert.

Das DWB hat ein Beispiel, in dem beide Wörter gemeinsam auftreten:

es ist alles all, alles ist aus

In diesem Wörterbuch findet man Belege aus Luthers Schriften. Die Bedeutung tot ist hier sehr häufig. Darunter findet sich noch ein Beispiel mit beiden Wörtern:

Allis Allmachens hab ich ein End gesehen.

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Meines Wissens (wurde mal in der Schule mehr oder weniger beiläufig erwähnt) stammt das vom französischen "allé", was eben (aus)gegangen bedeutet. Das wurde als eines von mehreren Beispielen genannt, welche französischen Begriffe, die von den Hugenotten nach Preußen mitgebracht wurden, in die hiesige Sprache eingeflossen sind (und deren Ursprung als Fremdwort - auch aufgrund von Verballhornung - nicht mehr offensichtlich ist).

  • Leider kann das nicht stimmen, denn damit kann man die gleichbedeutende Form all nicht erklären. – Takkat Jan 3 at 18:06
  • Es bedürfte nur einer Erklärung für den Verlust der Endung. Da Französisch nicht erst von den Hugenotten erfunden wurde, steht die Möglichkeit einer älteren Entlehnung offen. – vectory Feb 10 at 21:03
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"Mir ist aber nach wie vor unklar, wie es dazu kam, dass »etwas ist alle« zur Bedeutung »etwas ist aufgebraucht« kam." - "Aber im Fall von »etwas ist alle« kann ich mir nicht einmal ansatzweise erklären, wie das Indefinitpronomen »alle« zu einem Adverb mit der Bedeutung »nicht mehr vorhanden« geworden ist."

Vielleicht hilft ja Kluge, der eine Vermutung äußert:

"Die regionale Bedeutung 'leer, ausgegangen' (alle werden usw. < 16. Jh., vor allem omd.) beruht wohl auf einem Konstruktionswechsel oder einer Ellipse: Wenn z.B. die Kartoffeln im Keller alle verbraucht sind, dann sind sie alle."

Adelung hat sich auf die Deskription beschränkt:

All. Aller, alle, alles, ein Wort, welches in den meisten Fällen den Begriff der Allgemeinheit ausdrucket, und in dreyerley Gestalt üblich ist.

I. * Als ein Umstandswort, welches dessen ursprüngliche Gestalt ist, der Zahl, Menge und innern Stärke nach erschöpft. Der Wein ist schon all, es ist kein Wein mehr da, er ist verbraucht. Sein Vermögen all machen, erschöpfen, verzehren. Es wird bald alles all seyn. Bis daß eure Leiber all werden in der Wüsten, 4. Mos. 14, 33. Die Missethat der Amoriter ist noch nicht alle, 1. Mos. 15, 16. Das größte Vergnügen wird alle, wenn die Frau keine Wirthinn ist, Gell.

Woraus wir lernen, dass bereits Luther all für aufgebraucht im weitesten Sinn benutzt - nicht aus. Wie er vor etwa 500 Jahren dazu kam?

Wenn wir die einleitende Erläuterung Adelungs akzeptieren, is all die "ursprüngliche Gestalt" des Worts und bedeutet, schon immer: "der Zahl, Menge und innern Stärke nach erschöpft". Womit sich dann deine Frage "Wie kam's denn dazu?" also erst gar nicht stellt.

edit; @ Hubert S.

"Aus den bisherigen Antworten habe ich gelernt, dass die Bedeutung »aufgebraucht = alle« offensichtlich einen niederdeutschen Ursprung hat"

Versuch's doch mal mit close reading. Kluge schreibt, dass alle in der Bedeutung 'leer, ausgegangen' "...vor allem omd." ist. Noch mal: o-m-d. Adelung verweist auf Luther, der bekanntermaßen wo lebte? Und folglich was sprach und schrieb? Eben: weder nieder- noch oberdeutsch. Luthers Sprache ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der Standard für (Neu-)Hochdeutsch geworden, der noch immer gilt. Wenn also überhaupt etwas zu fragen ist, dann, wie es zu Deviationen kommt à la * "Die Ferien sind aus. / Der Sommer ist aus", was in der standardsprachlichen Form * Die Ferien sind alle. / Der Sommer ist alle. schlichtweg nicht vorkommen kann. Noch mal: Nicht der Standard ist zu hinterfragen, sondern die Deviation.

  • »Womit sich dann deine Frage "Wie kam's denn dazu?" also erst gar nicht stellt.« Das sehe ich anders. Aus den bisherigen Antworten habe ich gelernt, dass die Bedeutung »aufgebraucht = alle« offensichtlich einen niederdeutschen Ursprung hat, während »aufgebraucht = aus« aus dem oberdeutschen Sprachraum zu stammen scheint. Die Bedeutung »zu Ende = aus«, die meiner Meinung nach mit »aufgebraucht = aus« verwandt ist (siehe zweite Hälfte meiner Frage), dürfte daher wahrscheinlich auch eher oberdeutsche Wurzeln haben. ... – Hubert Schölnast Jan 6 at 8:40
  • ... Im Süden sagt man »die Pause ist aus« und »die Milch ist aus«. Im Norden sagt man - soweit mir das bekannt ist - aber nur »Die Milch ist alle«. Ich glaube nicht, dass jemand den Satz »die Pause ist alle« sagen würde. Und angesichts dessen halte ich es schon für legitim zu fragen, wie es dazu kam. – Hubert Schölnast Jan 6 at 8:41
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Es gibt noch andere Sprachen, die für "komplett, vollständig" und "zu Ende" das gleiche Wort verwenden. Zum Beispiel Persisch tamām (تمام), vielleicht auch arabisch. Die dahinterstehenden Konzepte sind ja auch halbwegs miteinander kompatibel, zum Beispiel wenn man an Zeiträume denkt.

  • Arabisch kala bedeuted nichts, "void". Hmmm – vectory Feb 3 at 23:48
  • Wiebitte, welches T?? – vectory Feb 10 at 22:52
  • Das ت in تمام. Ich muss aber meinen vorigen Kommentar korrigieren: ت kommt im Persischen auch in Nicht-Fremdwörtern sehr häufig vor, anders als ط. Das arabische Pendant dazu (mit viel engerer Bedeutung?) siehe z. B. de.langenscheidt.com/arabisch-deutsch/تمام – Jan Feb 11 at 11:25
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Französisch allé /a.le/ heißt ging, bzw. est aller "ist gegangen*, vgl En. gone (out), Ger. ausgegangen "weg". weg hat ja auch eine vermutlich nicht rein zufällige Homophonie mit der Weg.

Gehalten haben dürfte sich die eher abwegige Übernahme dann wegen dem witzigen reim alle alle "all gone". Die Allee dürfte damit vergleichbar sein.

Allerdings ist nicht geklärt, woher aller überhaupt kam. Spätes Vulgär Latein wird als Möglichkeit betrachtet.

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