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Ich unterrichte Deutsch als Fremdsprache für Philosophen und bin kein Deutschmuttersprachler. Ich bin neuerlich auf einen Gebrauch von worden gestoßen, den ich mehrmals gelesen habe aber worüber ich nie nachgedacht habe:

die allermeisten finden es nicht verächtlich, dies oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für und wider bewusst worden zu sein. (Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft 1§2)

Die Bedeutung des Nebensatzes mit worden ist mir klar, die grammatische Erklärung dafür aber nicht. Hier hätte ich geworden erwartet, statt worden, denn worden kenne ich nur als Hilfsverb im Passiv.

Oder, hat das etwas mit dem Wort bewusst zu tun?

Wie lässt sich das am besten erklären?

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werden hat zwei verschiedene Formen des Partizip Perfekt (Partizip II): geworden und worden. Wie schon angemerkt wurde, wird worden als Partizip nur im Passiv verwendet. Dies schreibt auch die David Vogt im Kommentar verlinkte Sütterlin-Grammatik. Das Wiktionary schreibt etwas vager, dass die Hauptaussage im flektierten Verb ist, wenn worden verwendet wird.

Beispiele dafür sind:

Ich bin angefahren worden.

Das Essen ist aufgegessen worden.

Der Knabe ist beschnitten worden.

Sie war verwundet worden.

In allen diesen Fällen wäre die Verwendung des Partizips geworden ungrammatisch. In aktivischen Konstruktionen muss hingegen geworden verwendet werden:

Wir sind über Nacht reich geworden.

Ich bin erst im Alter so richtig glücklich und zufrieden geworden.

Hier wäre die Verwendung von worden falsch.

Im zitierten Beispiel aus dem Nietzsche-Text ist sicher strittig, ob es sich um eine Passivkonstruktion handelt. Möglicherweise will Nietzsche gerade ausdrücken, dass er den Akt der Bewusstseinswerdung als passiven Vorgang versteht. Möglicherweise war dies auch das zu seiner Zeit vorherrschende Konzept. Diese Frage zu beantworten würde eine Analyse des Kontexts, also des gesamten Textes und vielleicht auch des philosophischen Gesamtwerks Nietzsches erfordern, die den Rahmen dieses Forums sprengen würde.

Generell gibt es analoge Konstruktionen mit einigen Verben, in denen die Verwendung von worden nicht mehr üblich ist, früher aber üblich war. Mir ist nicht klar, ob das daran liegt, dass diese Verben früher als passiv aufgefasst wurden, oder ob sich die heute zu diagnostizierende Regel, dass worden nur in Passiv-Konstruktionen das Partizip Perfekt geworden ersetzt, erst später etabliert bzw. durchgesetzt hat.

Ein Beispiel hierfür ist inne werden:

Ich bin mir meiner selbst inne worden. / Ich bin mir meiner selbst inne geworden.

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Nach kurzem Suchen im Text bin ich zu dem Schluß gelangt, daß Nietzsche die Formen so gebraucht, wie sie heute gebraucht werden: worden ist das Passivhilfsverb, geworden ist die Kopula.

Das worden für die Kopula im genannten Satz ist also sogar in Nietzsches eigener Sprache eine Ausnahme. In Sütterlins Grammatik, die 1907 veröffentlicht wurde, gilt geworden als normal.

Und ein anderes mal schreibt Nietzsche sogar bewusst geworden (unten fett markiert).

Passiv

  • was überhaupt bisher philosophirt worden ist
  • Aber bei alle diesem corrigirenden Lachen ist [...] die menschliche Natur verändert worden.
  • dass damit eine allzuschnelle Ausbildung desselben verhindert worden ist
  • dass diese wilde Habsucht und Ungerechtigkeit der Geschlechtsliebe dermaassen verherrlicht und vergöttlicht worden ist
  • dass durch diese Richtschnur alles Gewöhnte, Nächste und Unentbehrliche [...] unbillig beurtheilt und im Ganzen verleumdet worden ist
  • und Manches ist durch ihn überhaupt der Kunst hinzugefügt worden
  • Ein Instinct war in ihm stärker, als seine Weisheit, und war nie befriedigt worden
  • auf welche gewirkt worden ist
  • was von seinen Vorgängern als ein Schatz des Höchsten und Besten allmählich aufgehäuft worden ist

Kopula

  • dass Einer damit nothwendig zum Düsterling geworden sei
  • wie unsrem Geschmacke der ganze romantische Aufruhr und Sinnen-Wirrwarr [...] fremd geworden ist
  • einstweilen ist die Komödie des Daseins sich selber noch nicht „bewusst geworden“
  • dass auf die Dauer über jeden Einzelnen dieser grossen Zwecklehrer bisher das Lachen und die Vernunft und die Natur Herr geworden ist
  • Der Mensch ist allmählich zu einem phantastischen Thiere geworden
  • es ist inzwischen stark und reif geworden
  • wenn sie Gewohnheit, Trieb und Leidenschaft geworden ist
  • dass jene alte Volks-Energie und Volks-Leidenschaft [...] nur weniger sichtbar geworden ist
  • Jetzt erst ist er [...] ein misstrauisches Thier geworden
  • +1 für die Recherche der Verwendung bei Nietzsche. Gute Idee und gut umgesetzt. Hervorragend! – jonathan.scholbach Jan 28 at 12:32
  • Interessant ist doch aber, dass gerade das bewusst geworden in Anführungszeichen steht. Wen zitiert NIetzsche hier, oder worauf bezieht er sich? Drückt die Verwendung der Anführungszeichen vielleicht gerade eine Ironie gegenüber dieser Form aus? – jonathan.scholbach Jan 28 at 12:34
  • 1
    Das Gegenüber der zwei Formen, einmal mit und einmal ohne Anführungszeichen, ist schon lustig. Meine Vermutung wäre aber, daß die Anführungszeichen daher rühren, daß das Subjekt keine Person ist bzw. eine Komödie kein Bewußtsein hat. Sie sollen also übertragenen Gebrauch anzeigen. Das ist aber nur eine Vermutung! – David Vogt Jan 28 at 12:41
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Das ist richtig! Eigentlich müsste es geworden heißen.

Wurden und worden sind sehr verschiedene Formen:

  • Wurden ist eine Personalform,
  • Worden ist ein Partizip.
  • Wurden ist 1. + 3. Person Plural Mitvergangenheit/Präteritum/Imperfekt von werden:

    Mir wurde bewusst ...

  • Worden und geworden sind beide das 2. Mittelwort / 2. Partizip / Partizip des Perfekts von werden – wurde – (ge)worden, werden aber verschieden verwendet.

    Worden wird nur bei einer Passivbildung im Perfekt verwendet und steht nach einem anderen 2. Partizip:

    Die Bücher sind nicht mehr geliefert worden.

    Aber geworden wird verwendet als 2. Partizip des Vollverbs werden:

    Den Politikern ist endlich bewusst geworden, dass es so nicht weitergeht – und das schleckt keine Geiss weg!

    Ihr seid auch nicht jünger geworden.

Andere Verwendungen (»Er ist krank worden«) sind umgangssprachlich.

Aber Nietzsche und ich schreiben halt eben so wie uns der Schnabel gewachsen {worden} ist.

  • 4
    Die Behauptung »eigentlich müsste es geworden heissen« stimmt so nicht. Richtiger wäre »heute müsste es geworden heissen«. Der Text ist rund 150 Jahre alt, und damals, vor 150 Jahren, war der Satz völlig korrekt. Es hat sich nur in der Zwischenzeit das Regelwerk geändert. – Hubert Schölnast Jan 28 at 10:22
  • @HubertSchölnast Naja... Der Satz ist auch heute noch korrekt. – jonathan.scholbach Jan 28 at 10:23
  • Man kann also eigentlich sagen: worden lässt sich grammatisch als Partizip Perfekt Passiv von werden auffassen. Es gibt das PPP sonst im Deutschen nicht, aber werden scheint hier eine Ausnahme zu bilden. Oder liege ich da falsch? – jonathan.scholbach Jan 28 at 10:24
  • 2
    Laut Sütterlins Grammatik war worden als Partizip II der Kopula werden auch damals schon altmodisch (oder Dialekt). – David Vogt Jan 28 at 11:43

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