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Ich weiß, dass es bei Wörtern, die aus anderen Sprachen ins Deutsche übernommen werden, Prozesse gibt, die zu verschiedenen Genus für ein und dasselbe Substantiv führen können, oder – sofern nur ein Genus für sie eingetragen ist – deren Genus von deutschen Muttersprachlern als unrichtig empfunden wird. Vergleiche diese Fragen:

Außerdem gibt es deutsche Wörter, die zwei Formen mit unterschiedlichen Genus haben. Siehe:

Beide Phänomene (Fremdwörter / verschiedene Formen eines Substantivs) sind für diese Frage unerheblich.

Bei Substantiven, die für mich nicht offensichtlich eingedeutscht sind, war mir allerdings noch nicht aufgefallen, dass mehrere Genus vorliegen können. Nun bin ich auf das Wort Geschwulst gestoßen und habe instinktiv gedacht, es müsse »das Geschwulst« heißen: für mich ein klarer Fall von Neutrum. Und das passt auch zu der in Hubert Schölnasts Frage dargelegten These, das sächliche Geschlecht sei für Substantive aus Verben entstanden, die etwa mit der Silbe ge gebildet werden: in seinem Beispiel das (Pferde-)Geschirr von anschirren.

Nun wurde aber die Geschwulst geschrieben. Der Duden bestätigt: Neutrum und Femininum sind korrekt. Ein Maskulinum wird dort nicht erwähnt.

Das Grimm’sche Wörterbuch hingegen kennt das Geschwulst zunächst nur als Femininum, später auch das Maskulinum und

ferner als neutr. collectivbildung zu schwulst das geschwülst: als sich einiges geschwülst an seinem leibe ereugete.

Ich ging davon aus, dass ein Substantiv, dass nicht offensichtlich Fremdwort ist, nur ein Geschlecht hat.

Um den Fall des Ge- ganz rudimentär zu überprüfen, habe ich auf der Webseite des Dudens in die Suchmaske Ge eingegeben und nacheinander die Konsonanten ergänzt (Geb, Gec, Ged…): ohne dann enter zu drücken, sondern nur, um eine kleine Auswahl im Drop-Down-Menü zu sehen.

Alle Treffer, die mir so angezeigt wurden und die dem Bildungsmuster von Geschirr, Gewächs etc. entsprechen, waren Neutra.

Wie(-so) entstehen Ausnahmen wie Geschwulst, und gibt es viele davon? Mir ist kein weiteres Beispiel eingefallen.

  • Andere Wörterbücher sind durchaus der Ansicht, dass für Geschwulst nur (f) richtig sei. – tofro Feb 7 at 19:32
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Warum kann ein und dasselbe Wort unterschiedliches Genus aufweisen? Sprachwandel und regionale Variation. Das Genus variiert dann nicht bei einem Sprecher, sondern zwischen Gruppen von Sprechern.

Sprachwandel vollzieht sich nicht schlagartig, sondern so, daß Formen eine Weile miteinander in Konkurrenz stehen, bis sich eine durchsetzt. Man sieht dies am erwähnten Beispiel Socke f.: Früher gab es nur Sock m., woraus Socke m. wurde. Eine Zeitlang haben dann maskuline und feminine Formen nebeneinander existiert, aber am Ende gewann die feminine Form.

(Ein analoges Beispiel zu Substantiven mit mehreren Genera wie Geschwulst wären vielleicht Verben, bei denen zurzeit noch starke und schwache Formen koexistieren; z.B. hauen, stieben.)

Sind deverbale Nomen mit Ge- immer neutral? Nein!

Maskulin:
Gedanke
Gefährte
Genuß
Geruch
Gewinn

Feminin:
Geburt
Gebühr
Geduld
Gefahr
Geschichte
Gestalt

Nomen, deren Genus sich gewandelt hat:
Gebärde (f., aber ehemals auch n.)
Gebauer (n., auch m.)
Gehalt (ursprünglich m., dann Aufspaltung: m. ist Inhalt, n. Bezahlung)
Gesang (m., aber ehemals n.)
Gesuch (n., aber ehemals m.)

In der Duden-Grammatik (8. Aufl.) findet sich unter §345 eine Tabelle mit Nomen mit schwankendem Genus. Darunter zum Beispiel:

Abscheu m./f.
Begehr m./n.
Bereich m. (selten n.)
Dotter m. (selten n.)
Teil (Aufspaltung: m. Anteil, n. Ding, Sache)
Kehricht n. (auch m.)
Knäuel m./n.

  • Danke. Zumindest scheint es nicht viele Substantive mit mehreren Genera zu geben. Ich vermute, es war eine Tendenz im englischen Sprachgebrauch, dass die Genera konkurrierten und sich langsam it für alle Substantive durchsetzte? Zum 2. Teil der Antwort: Es gibt ja doch sehr viele Beispiele von Ge--Wörtern, die nicht N. sind (da habe ich sehr schlecht gesucht). – Philipp Feb 7 at 18:13
  • Es ist schwer, nach Nomen mit mehreren Genera zu suchen. Aber Dialektsprecher kennen sicherlich das Phänomen, daß manche Nomen im Dialekt ein anderes Genus haben (der Butter auf das Teller). – David Vogt Feb 7 at 18:31
  • Der "Klassiker" ist, glaub ich der Butter (schwäbisch) / die Butter (Standarddeutsch). – jonathan.scholbach Feb 7 at 23:01
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Ich versuche die Frage mal breiter (nicht nur auf "Ge-") zu beantworten:

Der deutsche Sprachraum ist groß - Natürlich können sich in so einem Sprachraum isolierte Inseln bilden, in dem sich lokale Besonderheiten und Abweichungen ergeben, die sich (vor allem dort, wo der Austausch zwischen den Regionen aus verschiedensten historischen Gründen nicht stattfindet) auch durchaus lange halten. Sind diese isolierten Inseln groß genug, können solche regionalen Varianten auch in die Standardsprache eingehen (und es auch in den Duden schaffen).

Beispiele:

  • Der/das Teil (Bedeutungsunterschied im Standardsprachgebrauch, in Zusammensetzungen ohne nachvollziebare Bedeutungsänderung [der/das Körperteil])
  • Der/das Schild (Bedeutungsunterschied, im oberdeutschen Sprachraum wohl immer "das")
  • Der/das Pfand (hier scheint sich ein Bedeutungsunterschied herauszubilden - "der Flaschenpfand")
  • Die/das Brezel ([n] im österreichischen Hochdeutsch)
  • Das/die Schorle ([n] im gesamten oberdeutschen Sprachraum)
  • Der/das Dotter
  • der/die Abscheu
  • der/die Fussel

Alle diese Wörter scheinen mir weder Fremd- noch Lehnwörter zu sein. Manche der Abweichungen sind so weit verbreitet, dass sie es auch in den Duden geschafft haben, und natürlich macht dieses Phänomen auch vor "Ge-"-Wörtern nicht halt.

  • Zu »Schorle« im oberdeutschen Sprachraum, zu dem ja auch Österreich gehört: german.stackexchange.com/questions/22602/… – Hubert Schölnast Feb 10 at 9:38
  • @HubertSchölnast "das Schorle" ist in Vorarlberg meiner Erfahrung nach durchaus gängig. – tofro Feb 10 at 13:42
  • Vorarlberg gehört zwar politisch zu Österreich, liegt sprachlich aber auf einem anderen Kontinent. Westlich vom Arlberg (also nur in Vorarlberg) werden alemannische Dialekte gesprochen, östlich davon (in allen anderen Bundesländern) aber bayrische Dialekte. Die Sprache der Vorarlberger hat wesentlich mehr Ähnlichkeit mit schwäbischen und schweizerischen Dialekten als mit dem, was sonst in Österreich gesprochen wird. – Hubert Schölnast Feb 10 at 15:03

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