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Gehe ich richtig in der Annahme, dass die deutsche Sprache einst die gleiche klare Trennung zwischen Adjektiv und Adverb besaß, wie sie heute noch im Englischen existiert (smooth, smoothly)? Dass viele Adverbien zu Adjektiven wurden bzw. erhebliche Bedeutungsverschiebungen erfuhren? Aus dem noch verfügbaren Restbestand der Adjektiv-Adverb-Paare:

Adj.: gnädig Adv.: gnädiglich vgl. gracious, graciously
Adj.: bitter Adv.: bitterlich vgl. bitter, bitterly
Adj.: sicher Adv.: sicherlich vgl. safe, safely
Adj.: frei Adv.: freilich vgl. free, freely
Adj.: klein Adj.: kleinlich (früher Adv.?)

Adj.: süß Adj.: süßlich (früher kein Adv.?)
Adj.: gelb Adj.: gelblich (früher kein Adv.?)

Dass es eine ähnliche Kreativität bei der Bildung von Adverbien gab wie heute im Englishen?

letztes Ende => letztendlich vgl. matter of fact => matter-of-factly
vermeinen/vermeint => vermein(-)t-lich (t Partizipendung oder Fugen-T?)
gelegen => gelegen-t-lich vgl. repeated => repeatedly

  • @guidot Ja, zumal eine adverbiale Verwendung von Farbadjektiven selten vorkommt. – Nico Feb 18 at 16:14
  • @Nico Aber bei kleinlich wäre ich mir nicht so sicher. Es kann auch als Adverb verwendet werden. Nur ist diese Verwendung die ursprüngliche? – Ben A. Feb 18 at 16:17
  • 1
    "Kleinlich" ist doch kein Farbadjektiv wie "gelblich" (darauf bezog sich mein Kommentar). – Nico Feb 18 at 16:20
  • Das ist richtig, aber du hast guidot geantwortet, der die drei letzten Beispiele in einen Topf geworfen hat. Es hätte sein können, dass du dem folgst. Alles klar. – Ben A. Feb 18 at 16:27
  • Stimmt, aber ich teile auch seine restliche Analyse (vgl. Englisch "-ish"). – Nico Feb 18 at 16:33
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Wie fast immer ist es irreführend, vom Englischen auszugehen; außerdem ist die Darstellung der Situation im Englischen zu sehr vereinfacht. Das Phänomen, daß im heutigen Englisch die meisten Adverbien mit -ly abgeleitet sind, stellt keinen Urzustand dar, der verloren ging.

  • Viele Adverbien sind nicht abgeleitet oder stammen nicht von Adjektiven: deutsch oft, hier, heute, jetzt, immer … – englisch oft(en), here, today, now, always …

  • Die Ableitungen auf -lich (verwandt mit englisch -ly) können schon im Althochdeutschen Adjektive sein: ärmlich, herrlich, fröhlich, rechtlich. Auch im Englischen können sie Adjektive bilden: a friendly man, a lovely day, our daily bread.

  • Ehemals hatten sowohl das Deutsche als auch das Englische mehrere Möglichkeiten, Adverbien zu bilden, zum Beispiel mittels einer Endung -o/-e (ahd. herti – harto, ae. heard – hearde). Daher (nach Wegfall der Endung) zum Beispiel bis heute als Adjektiv und Adverb fest, lang, gernfast, hard, quick (a fast train, the train moves fast).

  • Im Englischen wurde -ly im Lauf der Zeit populärer. So wurden einige ältere Adverbien ohne -ly durch jüngere Formen mit diesem Suffix ersetzt: sooth – truly; sweet – sweetly (Shakespeare: How sweet the moon-light sleeps upon this bank!).

    Das Deutsche dagegen bewahrte einerseits Adverbien auf -e (feste, lange, gerne) und unterscheidet andererseits Adjektiv und Adverb in vielen Fällen nicht (er wartete lang, der Tag war lang).

Zur Situation im Altenglischen siehe Sievers, Angelsächsische Grammatik, § 315 ff. Für das Deutsche und Althochdeutsche habe ich im DWB und AWB nachgeschlagen, z.B. hart, herti/harto.

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  • Ich finde diese Antwort eigentlich viel ausführlicher als die obigen Antworten, allerdings fehlt es an einer Quelle. Hast du eine Quelle, bei der ich nachlesen könnte? – Numeri says Reinstate Monica Feb 18 at 20:43
  • Vielen Dank für die differenzierte Antwort. Ich hatte in der Tat irgendwie die adjektivische Verwendung im Englischen völlig aus den Augen verloren und bin so von einer vermeintlichen strikten Trennung ausgegangen, die es im Deutschen nicht mehr gibt. Im Englischen eben auch nicht - bis auf den häufigen und auffälligen Zwang der Adverbbildung mit -ly, anders als im Deutschen. – Ben A. Feb 19 at 9:38
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Ja, es ist grundsätzlich richtig, dass früher im Deutschen (genauer gesagt im Mittelhochdeutschen) Adverbien durch einen Suffix gebildet wurden, ähnlich wie dies heute noch im Englischen der Fall ist.

Ein Adverb wird aus einem Adjektiv durch das Anhängen von -e oder -lîche gebildet.

Bsp.:

lanc–lange,

hôch–hôhe

sælec–sæleclîche,

hövesch–höveschlîche

Quelle: Mittelhochdeutsche Kurzgrammatik

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  • Hast du auch Infos über die Entwicklung der Verwendung so gebildeter Adverbien? Wann setzte die adjektivische Verwendung ein? – Ben A. Feb 19 at 9:01
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Ich glaube, man müsste die Frage etwas splitten.

Was "gnädiglich" und "sicherlich" angeht, scheint es ein produktives adverbiales Affix "lîcho" gegeben zu haben (woerterbuchnetz.de):

  • gnädiglich
  • sicherlich

    In beiden Fällen scheint auch die adjektivische Verwendung sehr früh weggefallen oder gar kaum vorhanden gewesen zu sein. Für einige andere Fälle siehe Kommentar von @guidot an der Frage.

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  • Hier musst du mich missverstanden haben. Ich meine nicht, dass aus kleinlich (kompositionell) klein (einfach) geworden ist. Das meinst du doch? Ich meine, dass zu der (zu beweisenden) ursprünglichen (ausschließlich wie in EN) adverbialen Verwendung von kleinlich irgendwann auch eine adjektivische Verwendung hinzukam. – Ben A. Feb 18 at 16:25
  • 1
    Ja, ich habe dich missverstanden, aber ich glaube trotzdem, dass die Frage nur differenziert nach einzelnen Wörtern beantwortet werden kann. Die Liste, die du aufstellst, ist etwas heterogen, wie @guidot schon geschrieben hat. In diesem Fall bliebe es zu beweisen, dass es ein Adverb wie "kleinlicho" existiert hat. Darüber ist bei den Grimms leider nichts zu finden. – Nico Feb 18 at 16:29
  • @Nico: Kommentare sind nicht verlinkbar, Kommentare dürfen frei für eigene Antworten "geplündert" werden, da sie schneller verschwinden können als Antworten. Ich schlage vor, den relevanten Teil von guidots Kommentar zu inkludieren. Und von der verlinkten Quelle ebenfalls den relevanten Teil, der zur Antwort gehört. Andere Seiten können offline gehen, sagt die Hilfe. – Shegit Brahm Feb 19 at 7:07
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Teilantwort aus meinem vorigen Kommentar:

Einige Beispiele halte ich für eine ganz andere Konstruktion, die im Englischen mit -ish gebildet wird, wie gelblich: etwas ist nicht wirklich gelb, es geht nur in die Richtung.

Darunter fallen zumindest:

  • süßlich
  • gelblich
  • ursprünglich wohl auch bitterlich, für das DWDS ein wenig bitter liefert; auch wenn heute meist mit weinen und beklagen verwendet.
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  • Entscheidend für die Frage ist wohl die Verwendbarkeit als Adverb. Die ist bei bitterlich offensichtlich gegeben. Dass sich diese aus einem gleich lautenden Adjektiv entwickelt hat, wage ich zu bezweifeln. Immerhin bedeutet bitterlich weinen "ordentlich" weinen und nicht nur ein wenig weinen, wie es zu verstehen wäre, wenn man die Definition des Adjektivs ein wenig bitter heranzöge. – Ben A. Feb 19 at 8:36
  • bitterlich weinen könnte durchaus wenig schrille Intensität bedeuten (sonst etwa schluchzen) aber frequentativ sein, vgl. bspw trippeln, tippeln, En crackle, suckle, ... dann mit -ig ~ -ich wie in günstig, schaurig, ewig, ... vielleicht eben deswegen klingen Konstruktionen wie ewiglich falsch konstruiert, immerhin gestelzt. – vectory Feb 23 at 1:58

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