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Die 80er-Jahre Austropop-Gruppe STS ist ja auch in Deutschland bekannt, zumindest mit ihrem größten Erfolg "Fürstenfeld". Heute ging mir wieder der Text eines anderen Liedes dieser Band durch den Sinn, nämlich "Kalt und kälter".

Der Text ist, wie fast alle Texte von STS, in meiner eigentlichen Muttersprache verfasst, nämlich im oststeirischen Dialekt. Der Refrain des Liedes lautet wie folgt (zuerst steirisch, dann nochmal Standarddeutsch):

Steirisch:
Und i wea koit und imma köta
I wea obgebrüht und öta
Owa des wüll i ned und des muas i jez klean:
I mecht loch, taunzn, singan und rean
Ångst und Schmeazn sulln mi wida wiagn
Und die Liebe mecht i bis in die Zechnspitzn spian

https://www.youtube.com/watch?v=_kFGnsn_om8 Refrain ab 1:08

Standarddeutsch:
Und ich werde kalt und immer kälter
Ich werde abgebrüht und älter
Aber das will ich nicht, und das muss ich jetzt klären:
Ich möchte lachen, tanzen, singen und weinen
Angst und Schmerzen sollen mich wieder würgen (quälen)
Und die Liebe möchte ich bis in die Zehenspitzen spüren.

Die Bedeutung von rean ist mir vollkommen klar; tatsächlich kannte ich rean lange vor weinen (wie gesagt: Ost-Steirisch ist meine eigentliche Muttersprache, Standarddeutsch habe ich erst in der Schule gelernt). Aber nachdem ich dem Wort keine offenkundige Nähe zu irgend einem anderen deutschen Wort ansehe, frage ich mich, wie es kommt, dass zwei so verschiedene Wörter wie rean und weinen dasselbe bedeuten können, wo rean eigentlich herkommt, und ob es immer schon die Bedeutung von weinen hatte.

Der im Osten der Steiermark gesprochene Dialekt ist ein südmittelbairischer Dialekt, gehört also zu den mittelbairischen Dialekten, die auch in Nieder- und Oberbayern gesprochen werden. Nach einer anderen Systematik, die den Begriff "donaubairisch" für jene Dialekte verwendt, die rund um München, Salzburg, Passau, Linz, St. Pölten und Wien gesprochen werden, ist es ein sübbayrischer Dialekt, gehört also einer anderen Unterart der bairischen Dialekte an als das, was in Bayern gesprochen wird. Aber soweit mir bekannt ist, gibt es das Verb »rean« ohnehin in allen bairischen Dialekten.

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Das Deutsche Wörterbuch enttäuscht wie gewohnt nicht und bietet:

REHREN, verb. brüllen, blöken, schreien; ein im westgermanischen verbreitetes wort, ahd. rêrên […] mhd. rêren; ags. rârigean, mittelengl. rârin, neuengl. roar;

Die Bedeutung weinen is alt. Es werden Belege aus dem Altenglischen, Niederdeutschen und Westfälischen gegeben. Zu der in der Frage genannten Region heißt es:

sonst, namentlich im bair. sprachgebiete mit dem nebenbegriff des kindischen oder feigen, daher tirol. der rearer, mensch der immer weint, schimpf gegen verzagte, mutlose. Schöpf a. a. o.; in Kärnten von heulenden kindern:

rearen und lachen
geat zamm in an kachel.

kinderreim bei Lexer 207;

Das DWB bezieht sich hier auf Schöpfs Tirolisches Idiotikon, wo weinen als erste Bedeutung genannt wird:

rêren, rearen, v, 1) laut weinen, weinen überhaupt. Der rearer, Mensch, der immer weint; Schimpf gegen Verzagte, Muthlose; das grear, rearach, das Weinen, Klagen. – Der hoamrearer, der immer weinend nach Hause verlangt.

Der Kinderreim stammt aus Lexer, Kärntisches Wörterbuch; siehe hier.

Das Schweizerische Idiotikon kennt das Verb als rärren; die Bedeutung weinen unter 2. a).

Die neuhochdeutsche Form röhren (vom DWB als Nebenform zu rehren bezeichnet) steht dagegen ausschließlich für das Schreien der Tiere.

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  • Das wird wohl eine Schreibvariante von röhren sein? (Was der Hirsch tut.) – Christian Geiselmann Apr 27 '20 at 11:22
  • @ChristianGeiselmann Rehren ist die altehrwürdige Form, röhren die neue. DWB bezeichnet sie als Nebenform. – David Vogt Apr 27 '20 at 11:29
  • vgl. röcheln (s. retroflexes allophone zu /x/ bzw. /r/), bei DWDS darunter auch raunen, sowie nicht nachvollziehbar Rost (Gitter). Man denke an En. rooster (Braten, oder Krähe? haha, ein Wortspiel). Dort ist auch ein echtes Homonym aus Fränkisch *hrata ("Bienenwabe"; vgl. crate? Raute, das ist Oberdeutsch bzw. Latein Rhombus?) gelistet, vgl. deshalb krähen, krächzen, krakelen, Krach, rauschen, etc. etc. Pfeifer nennt diese lautmalerisch. Was aber ist mit reor, oreo (u.ä.?)? Wohl nicht hier reiern "speien, kotzen" wie der Vogel Reier, aber wer weiß. – vectory May 19 '20 at 23:29
  • Aber s. dahingehend rotz. zu crate vgl. Ranzen (Tornister, Schul-Mappe) hinsichtlich ranzen, anranzen, rounzen wohl bei raunen. In diesem Sinne (Gefäß) vgl. Rachen, Kehle (eher Öffnung, Hals). Lautlich nahe rage, Rache, so auch rasen. Bzgl. weinen s. insb. Träne, En. tear (lt. wiki von "zerren, reißen"); reißen wiederum aus zusammenfall von Germ. *hritana und *writana, beide "scratch" daher auch Nl. wri... "quarrel", En write, sowie Reißbrett. Und da passt es, dass Pfeifer Rune bei raunen vermutet. rufen aus UrG *ker (Pokorny) legt hr in re-hr-en nah – vectory May 19 '20 at 23:55
  • während re- woanders vermutet werden könnte (wobei Pfeifer nach Pokorny einen Stamm *re- *reu vermutet). Deshalb auch ch aus k in röcheln. Alles geraten, da blickt doch keiner duach. Vgl. übrigens auch to rear (s. dort ety 2). – vectory May 20 '20 at 0:02

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