3

Ich habe bisweilen Probleme mit Worten wie geringschätzen. Ich würde immer schreiben/sagen:

Ich schätze dieses und jenes gering.
Meine Eltern schätzten dieses und jenes gering.

Heutzutage treffe ich aber auch häufig auf Folgendes:

Ich geringschätze dieses und jenes.
Meine Eltern geringschätzten dieses und jenes.

Aus meiner Sicht kann das nicht korrekt sein. Es sieht fast aus wie ein Anglizismus und wirkt auf mich, als würde man Mark Twain klein beigeben¹.

Was passiert hier? Gibt es einen Grund, das eine oder andere als richtig anzusehen?


¹ Übrigens voll der Lacher: klein beigeben. Also: »Ich gebe ihm klein bei« oder »Ich klein beigebe ihm« oder gar »Ich beigebe ihm klein«?

  • 2
    Wieso Anglizismus? Schwankungen zwischen Trennbarkeit und Untrennbarkeit sind bekannt (z.B. bei anerkennen, auferlegen). Bei geringschätzen mir allerdings nicht (und der Duden empfiehlt gering schätzen, was Untrennbarkeit ausschließt). – David Vogt May 13 at 10:19
  • Anglizismus wegen (z.B.) "to download" gegenüber "Ich lade dieses und jenes herunter." – ClintEastwood May 13 at 10:23
  • Wo ist noch mal das englische Wort hier, das analog zu downlod wäre? Auch ich sehe keinen Anglizismus, sondern was David eben schrieb. – c.p. May 13 at 10:33
  • 1
    Die Nichttrennung von Verben u.U. schon, weil im Englischen zumeist keine Trennung vorliegt (was Twain ja gerade betont). Wenn der Sprachgebrauch in Deutschland zunehmend vom Englischen gefärbt ist, kann das schon auch einen Einfluss auf das Trennen zusammengesetzter Verben entfalten. Sichtbar z.B. wenn man im Alltag bisweilen schwankt zwischen "ich lade das mal down" und "ich downloade das mal" vis-a-vis "ich schätze das gering" und "ich geringschätze das". – ClintEastwood May 13 at 10:43
  • 1
    „Die Nichttrennung von Verben u.U. schon, weil im Englischen zumeist keine Trennung vorliegt” klar, wenn die „u.U” bedeutet eben englische Worte, was eine Platitüde ist. Und mit gernigschätzen unzusammenhängend ist. – c.p. May 13 at 11:16
6

Zwischen verkaufen (stammbetont) und einkaufen (Betonung auf der Partikel) gibt es einen grammatischen Unterschied:

Er verkauft auf dem Markt. Auf dem Markt wird verkauft.
Sie kauft auf dem Markt ein. Auf dem Markt wird eingekauft.

Gewöhnlich bezeichnet man das Verb verkaufen als untrennbar: das Verb wird als Einheit vorangestellt, im Partizip II tritt kein ge- auf. Dagegen bezeichnet man einkaufen als trennbar: bei Voranstellung bleibt das ein- am Ende, beim Partizip II tritt das ge- vor den Stamm kauf-. (Etwas fachsprachlicher sind die Bezeichnungen Präfixverb und Partikelverb.)

Besonders populär sind Beispiele, bei denen Homographie vorliegt:

wenn du wieder Passanten umfährst
1. Du fährst wieder Passanten um.
2. Du umfährst wieder Passanten.

Im Deutschen sind alle komplexen Verben in dieser Hinsicht bestimmt: Sie werden entweder als trennbar oder untrennbar behandelt. Diese Kategorisierung ist Teil des Sprachsystems des Deutschen und ihm nicht durch eine Fremdsprache aufgezwungen; die untrennbaren Präfixverben gab es schon im Althochdeutschen, z.B. bigrifân DWB.

Wie bei allen Unterscheidungen, die eine Sprache macht, gibt es bei einzelnen Wörtern Schwankungen im Gebrauch; siehe z.B. diese Fragen zu auferlegen und anerkennen:

Ich selber kenne geringschätzen ausschließlich als trennbares bzw. Partikelverb. Einen Einzelbeleg für den Gebrauch als untrennbares bzw. Präfixverb habe ich in einem Kommentar gefunden:

Ich geringschätze tatsächlich die Denkfaulheit vieler Menschen. […] Aber ich geringschätze nicht andere Meinungen […] republik.ch

Dieser Beleg genügt mir nicht, um den Gebrauch von geringschätzen als untrennbares Verb für möglich zu halten; da bräuchte es schon mehr. Ein weiteres Indiz, das gegen die Untrennbarkeit spricht, ist die Tatsache, daß der Duden die Schreibung gering schätzen empfiehlt. Die Getrenntschreibung ist aber mit der Verwendung als Präfixverb nicht kompatibel.

Die Vorstellung, es läge Beeinflussung durch das Englische vor, halte ich für falsch. Zwar ist es so, daß englische Begriffe wie downloaden im Prozeß der Eindeutschung Schwankungen zwischen Trenn- und Untrennbarkeit aufweisen; aber das liegt schlicht und ergreifend daran, daß die Sprecher sich erst entscheiden müssen, wie sie das fremde Wort behandeln wollen. (Ganz parallel dazu wären Schwankungen des Genus wie bei die oder das E-Mail.) Wie gesagt muß jedes komplexe Verb so kategorisiert werden, und die untrennbaren Verben sind keine Einschleppung aus dem Englischen, sondern waren schon immer Teil des Deutschen.

| improve this answer | |
  • Super Antwort! Danke! Dennoch glaube ich, dass hier auch eine Beeinflussung aus dem Englischen vorliegen kann. Zwar geht es hier - das stimmt - um eine Entscheidung des Sprechenden, wie sie/er ein Wort wie "downloaden" eindeutschen möchte, doch je mehr Sprechende sich gegen eine Trennung entscheiden, desto häufiger hört man (und gewöhnt sich an) nicht getrennte composita. – ClintEastwood May 13 at 12:22
  • Ich schätze das wert :-) Ernsthaft, mit der Antwort wurde mir auch was klarer. Danke. – a_donda May 14 at 10:25

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.