10

Im Schwäbischen gibt es die Redewendung "der schafft wie ein Brunnenputzer" für hart arbeitende Menschen.

  • Er arbeitete sich vom Verkäufer zum Marketing-Direktor hoch. Die ersten 15 Berufsjahre habe er „geschafft wie ein Brunnenputzer“.Focus
  • Der schafft wie ein Brunnenputzer, heißt es von besonders fleißigen Menschen. Die Tätigkeit ist harte Arbeit, wissen die Mitarbeiter des Betriebshofes.Hohenzollerische Zeitung

Ist etwas zur Herkunft dieser Wendung bekannt? Kennt man den Ausdruck auch außerhalb des schwäbischen Sprachraumes?

  • 3
    Habe ich noch nie gehört (Sachsen-Anhalt, Sachsen). Aber der Ausdruck gefällt mir :-) – Landei May 10 '13 at 8:08
  • Ich kenn' das auch nicht, aber ich höre eine starke Ironie aus der Wendung heraus. Ich hätt's genau anders rum interpretiert. - Womit ich übrigens nicht sagen will, dass der Job easy ist - aber wo viel Wasser... Ich könnt mir zumindest ganz andere Berufe vorstellen, die zutreffender sind. – Em1 May 10 '13 at 12:07
  • Es wird bei uns nicht ironisch gesagt, im Gegenteil. Man meint damit Fleiß bis zum Umfallen. Aber ich habe nirgends gefunden, woher die Wendung kommt (ich würde es irgendwo im Mittelalter ansiedeln, aber das ist geraten). – Takkat May 10 '13 at 12:16
  • 1
    Man müsste wissen, wie Brunnen geputzt wurden. Wurde Algenbewuchs von Steinen gekratzt, um einer Vergällung des Trinkwassers vorzubeugen? Wurde der Putzer an einem Seil hinabgelassen, damit er sein Tagwerk verrichten konnte? Sicher eine gefahrgeneigte Tätigkeit, aber anstrengender als andere damals? – Eugene Seidel May 10 '13 at 14:05
  • 1
    @splattne Aufi gehts mit der Antwort, die Punkte und das grüne Häkchen haben Sie sich verdient :) – Eugene Seidel May 13 '13 at 18:10
7

Das Brunnenputzen war ein wirklich hartes Stück Arbeit.

Brunnen mussten regelmäßig gereinigt werden, um die Wasserqualität zu gewährleisten. Zunächst wurde die Brunnenröhre von allerlei hinein gefallenem Unrat freigeräumt. Eine schwere Arbeit, zu der oft mehrere kräftige Personen nebst Zugtieren eingesetzt wurden. Dann wurde der Brunnen trockengeschöpft. Hierbei musste man schneller Wasser heraus befördern als neu in den Brunnen einfloss. Der Brunnenputzer bürstete und spülte die Wände und die Sohle so lange, bis das Spülwasser klar blieb. Während dieser Zeit musste ständig weiter geschöpft werden, so dass er seine Arbeit unter höchstem Zeitdruck und möglichst ohne Pause verrichtete. Die Verletzungsgefahr war wegen der schnell auf- und abfahrenden Schöpfeimer groß. Je kürzer sein Aufenthalt unten war, desto besser, denn es drohte der Erstickungstod durch Gasansammlung.

  • Sehr einleuchtend und interessant! Haben Sie Quellen? – Ludi Sep 2 '16 at 19:56
  • Illustrierend: Im schwäbischen Bauerndorf meiner Verwandtschaft gab es bis in die 1950er Jahre hinein keine zentralisierte Wasserversorgung. Jeder Hof hatte seinen eigenen Brunnen, und da das Dorf auf einer Anhöhe liegt, waren die Brunnen sehr tief. Was meine Verwandtschaft erzählt: 30 Meter tief! In so einen Brunnen hinabzusteigen, um ihn zu reinigen, war allemal eine anstrengende (und unangenehme) Aufgabe. Der örtliche Wasserturm, der dann ein Leitungsnetz speiste, wurde erst nach dem Krieg gebaut. – Christian Geiselmann Feb 1 '18 at 10:50
  • @ChristianGeiselmann: na dann wäre das ja mal ein Bericht aus erster Hand! Schade, dass Du keine Antwort schreibst. Seltsam allerdings, dass sich jetzt nach Jahren noch Leute zu meiner Frage melden. – Takkat Feb 1 '18 at 10:59
  • @Takkat - Aus erster Hand wär's auch nicht, weil ich den Brunnen auf dem Hof bei uns auch nie gesehen habe (der wurde dann zugeschüttet, als es Leitungswasser gab); die Stelle müsste im Boden freilich noch erkennbar sein. Den Rest weiß ich nur aus Erzählungen. Und einen Brunnenputzer bei der Arbeit habe ich auch nicht gesehen, ich kann mir die Redewendung also nur so logisch erklären, wie Christel Bernhard das - mit mehr Brunnenputzersachkenntnis - getan hat. – Christian Geiselmann Feb 1 '18 at 11:09
  • @ChristianGeiselmann Erzählungen aus 2. Hand also, das ist doch auch gut, oder? – Takkat Feb 1 '18 at 11:15
4

Es gibt nur wenig Hintergrundwissen zur Redensart "schaffen wie ein Brunnenputzer".

Es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass das Säubern ("putzen") der Brunnen eine anstrengende wie hoch angesehene Tätigkeit war:

In den Städten und Dörfern wurden zunächst Grundwasserbrunnen in Form von Schachtbrunnen angelegt, aus denen die Bewohner das Wasser mit Eimern oder Krügen heraufholten. Diese Brunnen hatten meist noch keine Einfassung, so dass Staub, Abfälle und hineingefallene Tiere das Brunnenwasser verschmutzten. Später wurden die Brunnen mit einer halbhohen Mauer eingefasst und "Brunnenputzer" wurden beauftragt, die öffentlichen und privaten Brunnen von Schlamm und Abfall zu reinigen. K.W. Evers: Wasser als Lebensmittel

So kommt auch Rolf-Bernhard Essig in seinen "Essigessenzen" vom 9.5.2008 im Deutschlandradio zu folgender Aussage:

Die Brunnen waren ja extrem wichtig für die Versorgung der dörflichen oder kleinstädtischen Bevölkerung. So gab es den Beruf des Brunnenmeisters, der sich als Leitungskraft um alles frische Wasser und Abwasser kümmerte, für die schwierigen, anstrengenden und schmutzigen Arbeiten aber seine Hilfskräfte hatte, zu denen die Brunnenputzer gehörten. [...] Das alles war eine sehr anstrengende und immer wieder zu verrichtende Arbeit, die deshalb auf alle möglichen Tätigkeiten übertragen wurde, um deren besondere Qualität oder besonderes Ausmaß oder besondere Intensität auszudrücken. Deshalb gibt es außer "schwitzen" auch "arbeiten" oder "trinken wie ein Brunnenputzer".

  • Was heißt "Es gibt nur wenig Hintergrundwissen" dazu? Das Wissen gibt es wohl, aber vielleicht nicht per Google schnell aufspürbar im Internet. Geh auf ein Dorf und sprich mit den alten Leuten, da hast du das Hintergrundwissen. – Christian Geiselmann Feb 1 '18 at 10:52
  • @ChristianGeiselmann Mittlerweile findet Google gleich an erster Stelle einen außerordentlich interessanten Eintrag auf der Suche nach "Brunnenputzer" (das war damals auch eine Intention meiner Frage, die ich mir leider selbst beantworten musste, weil 4 Tage lang niemand anderes Lust dazu hatte). – Takkat Feb 1 '18 at 11:04
  • Außerordentlich interessant, in der Tat! :-) (Was Google mir an erster Stelle zeigt beim Verfolgen deines Links anzeigt, ist genau unsere Seite hier...) Deine Sammlung von Fundstellen ist natürlich wertvoll an sich. Ich wunderte mich nur über die kühne Behauptung es gebe kein Wissen dazu und warf ihm die These entgegen, dass Wissen auch außerhalb des Internets noch seine Schlupfwinkel hat. - PS: Hast du das auch mal mit Muckaseckele probiert? – Christian Geiselmann Feb 1 '18 at 11:16
  • @ChristianGeiselmann: ich kenne das Muckaseckele gut, denn ich bin auch mit Buabaspitzle groß geworden. Schreib' doch eine Frage - ich finde Dialekt wichtig und vor allem auch erhaltenswert. Bei GL haben wir so etwas recht wenig aber mittlerweile sind wir ein ganz gutes Forum dafür. Wenn wir dann bei Muckaseckel(e)/Muggaseggel(e) auch als Erste kommen, täte das GL nur gut! – Takkat Feb 1 '18 at 11:31

Your Answer

By clicking “Post Your Answer”, you agree to our terms of service, privacy policy and cookie policy

Not the answer you're looking for? Browse other questions tagged or ask your own question.