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Seit der Rechtschreibreform 1996 werden Fügungen aus Wochentag und Tageszeit zusammen geschrieben:

Dienstag + Abend = Dienstagabend

Die Überlegung hinter dieser Regel scheint zu sein, dass die Tageszeit als Substantiv aufgefasst wird:

Dienstagabend = der Abend des Dienstag

So führt auch die Rechtschreibregel D69 aus:

Die Bezeichnungen von Tageszeiten nach Adverbien wie gestern, heute, morgen werden als Substantive angesehen und großgeschrieben <§ 55 (6)>.

Zum Beispiel

  vorgestern Nacht (vgl.: vorgestern in der Nacht)
  gestern Abend (vgl.: gestern am Abend)

Die relative Zeitangabe früh dagegen wird in Deutschland (anders als in Österreich) als Adverb angesehen und in Fügungen mit Wochentagen klein geschrieben:

Dienstag früh, heute früh (Österreich: heute Früh = heute + die Früh)

Diese heutigen Rechtschreibregeln scheinen einleuchtend, denn Angaben der Tageszeit wie der Abend und der Morgen empfinden wir als Substantive. Vor der Rechtschreibreform wurden Fügungen aus Wochentag und Tageszeit dagegen getrennt und die Tageszeit klein geschrieben:

Dienstag + abend = Dienstag abend

Warum? Wurde damals abend, anders als heute, als Adverb aufgefasst? Wenn ja, wo findet sich dieses Adjektiv heute noch?

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  • 1
    Vielleicht eine Analogiebildung auf das kleine früh? Als Österreicher erscheint mir zumindest schon dabei die Kleinschreibung weniger logisch. Aber bei uns ist in der Früh ugs. auch bei Weitem gebräuchlicher als am Morgen. Feb 23, 2022 at 10:09
  • Was lässt dich annehmen dass das frühere 'abend' und das heutige 'abends' nicht äquivalent sind? 'Dienstag abends' geht doch heute immer noch, oder?
    – bukwyrm
    Feb 24, 2022 at 13:36
  • @bukwyrm Wie kommst du darauf, dass abend == abends sein könnte?!? Zur Schreibung vor der Rechtschreibreform s. korrekturen.de/wortliste/gestern_abend.shtml
    – user52445
    Feb 25, 2022 at 14:09
  • 3
    @HubertSchölnast Wenn ich den Kommentar von phipsgabler richtig verstehe, meinte er nicht, dass in der Früh (nur) umgangssprachlich sei, sondern dass es in der Umangssprache gebräuchlicher sei als am Morgen. Und eine Abwertung des Österreichischen oder der deutschen Sprache kann ich in seinem Kommentar auch nicht erkennen.
    – user52445
    Mar 6, 2022 at 12:38
  • 1
    bag.ch/brunner-medien-ag/aktuelles/blog/… schreibt "Die Befürworter der Kleinschreibung argumentierten, «abend» sei adverbial zu verstehen, leite sich von «abends» ab"
    – äüö
    Jun 3, 2022 at 13:22

1 Answer 1

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Vielleicht sind die Wörter »früh« und »Früh« der Schlüssel zur Antwort:

Wiktionary kennt das kleingeschriebene Wort »früh« als Adjektiv (»Ich war zu früh dort.«) und als Adverb (»Ich war Dienstag früh dort.«).

Daneben gibt es auch das großgeschriebene Substantiv »die Früh«, das eigentlich nur in der Wortkombination »in der Früh« verwendet wird, und das auch nur in Österreich und dem Südosten Bayerns, wie das folgende Bild zeigt:

Dienstag Morgen/Früh Quelle: Atlas zur deutschen Alltagssprache

Dort sieht man auch sehr schön, dass es zwischen »Dienstag Morgen« und »Dienstag früh/Früh« nicht, wie sonst so häufig zu sehen ist (z.B. bei Junge/Bub) eine Nord-Süd-Teilung des deutschen Sprachraums gibt, sondern eine Ost-West-Teilung.

Dass in dem Bild das Wort »Früh« in »Dienstag Früh« großgeschrieben ist, liegt daran, dass der Atlas zur deutschen Alltagssprache ein Projekt der Universität Salzburg ist, und dass daher Österreichisches Deutsch die Arbeitssprache ist, und in Österreich die großgeschriebene Variante von »Früh« die Norm und die kleingeschriebene Version die erlaubte Ausnahme ist.


Gegenwörter

Das Gegenwort zum Substantiv »die Früh« ist »der Abend«. Aber während Ereignisse in (nicht an) der Früh stattfinden, ist es eher selten, dass etwas »in dem (=im) Abend« stattfindet, sondern viel häufiger »an dem (=am) Abend«. (Aber: »Sie stand schon im Abend ihres Lebens, als sie Bücher zu schreiben begann.«)

Ich habe sie am Dienstag in der Früh gesehen.
Ich habe sie am Dienstag am Abend gesehen.

Das Gegenwort zum Adjektiv ist »spät«:

Ich war zu früh dort.
Ich war zu spät dort.

Wenn es zum Adjektiv und zum Substantiv Gegenwörter gibt, wäre dann nicht auch ein Gegenwort zum Adverb denkbar? Etwa so?

Ich war Dienstag früh dort.
Ich war Dienstag abend dort.

Ich vermute, dass das genau die Überlegung war, warum man zwischen 1901 und 1996 das Wort »abend« in Fügungen wie »Dienstag abend« kleingeschrieben hat, wie folgendes Ngram zeigt. (Den Teil von 2005 bis heute habe ich absichtlich weggelassen, weil nach 2005 die Häufigkeit von »heute Abend« drastisch zunahm und dadurch die Kurven vor 2005 zu stark nach unten gedrückt worden wären.)

Google Ngram: heute abend, heute Abend Quelle: Google Ngram


Gegenwärtig wird das Wort »Abend« auch in »Dienstag Abend« nicht mehr als syntaktisch gleichwertig mit »Dienstag früh« angesehen, weswegen man es heutzutage immer großschreibt.


Zu früh/Früh in Österreich:

Es ist richtig, dass in Österreich die Formen »heute Früh«, »morgen Früh« usw. nicht nur erlaubt sind, sondern sogar bevorzugt verwendet werden, aber ebenso sind die Formen »heute früh«, »morgen früh« usw. in Österreich erlaubt.

Allerdings ist die in Österreich bei weitem vorherrschende Form diese: »heute in der Früh«, »morgen in der Früh« usw. Das Substantiv »die Früh« (übrigens ohne e am Ende) wird in Österreich wesentlich häufiger verwendet als »der Morgen«.

In Ö bevorzugt in Ö auch möglich in Ö sehr selten
gestern in der Früh gestern Früh/früh gestern Morgen, gestern am Morgen
heute in der Früh heute Früh/früh heute Morgen, gestern am Morgen
morgen in der Früh morgen Früh/früh morgen am Morgen

(Die Kombination »morgen Morgen« ist überall unüblich)

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